Der schöne Schein trügt

Aktualisiert: 23. Okt 2019


Warum mein Körper schlauer ist als ich!

Das erste Mal, dass mein Körper mir Signale gab, war während meiner Prüfungszeit zum ersten juristischen Staatsexamen. In meinem Gehirn herrschte der absolute Overkill durch wochenlanges Lernen. Als ich vor dem Geldautomaten stand, um Geld abzuheben. Ich gab meine jahrelang genutzte, vierstellige Geheimnummer ein und erhielt eine Fehlermeldung. „Komisch!“, dachte ich und gab die 4 Ziffern halbbewusst erneut ein. Wieder eine Fehler-meldung! Jetzt war ich hellwach und in mein Bewusstsein sickerte die Erkenntnis, dass ich meine Geheimzahl wohl vergessen hatte. Einfach weg! Dritte Eingabe…Karte wurde eingezogen. Tatsächlich versuchte ich auf Antrag eine Woche später erneut mein Glück. Vergeblich! Die Gehirnzelle, die meinen Code abgespeichert hatte, war wohl abgestorben. Nein, nicht aufgrund wilder Alkoholexzesse! Wahrscheinlich hatte sie irgendeiner Mindermeinung in einem unheimlich wichtigen juristischen Rechtsstreit den Vorrang eingeräumt und die Geheimzahl „überschrieben“.

Jetzt war es also soweit, dass der Prüfungsstress nicht nur meinen „normalen“ Alltag erobert hatte, sondern auch Gehirnregionen, die für wichtige ander-weitige Informationen vorgesehen waren. Einige Wochen später war der Stress insgesamt in meinem Körper angekommen und ich verfiel in eine dicke Depression. Nichts ging mehr. Ich war wie in Watte eingepackt und bekam überhaupt nichts mehr von meinem Umfeld mit. Mein Körper schottete mich damit geschickt vor Stress und Reizüberflutung ab. Ich überwand sie mit psychologischer Hilfe und bestand meine Staatsprüfung ganz knapp 2001 zu Weihnachten. Meine Prüfer befanden, dass es der Weihnachtsengel nochmal gut mit mir gemeint habe. Super! Als hätte ich Mitleid und Almosen nach so einem Lern-Marathon verdient. Das hörte mein ohnehin erschüttertes Ego besonders gern.

Go, go Andrea, go...

Eigentlich hätte mir das damals schon eine Lehre sein müssen: Leistungs-druck, hohe (Eigen-) Erwartungen, das Streben nach Anerkennung und fort-schreitende Blindheit gegenüber eigene Grenzen und Bedürfnisse machen krank. Aber mit meinen 25 Jahren nahm ich es sportlich, und gleich die nächste Herausforderung: Referendariat und zweites Staatsexamen. Diesmal ging es ohne Systemausfall. Ein wenig hatte ich wohl gelernt. Leider nicht genug!

Der eigentliche Zusammenbruch kam einige Jahre später. Denn ich habe ein-fach weitergemacht. Geackert, geleistet, ohne Unterlass gegeben, dabei mich und meine Bedürfnisse verleugnet -so ungefähr acht Jahre lang: durch die Zeit der Jobsuche, der ersten wichtigen Jobs, während der ersten Schwanger-schaft bis hin zu der Geburt meiner „Großen“.

Der Körper hatte mir zwischenzeitlich immer wieder Zeichen gegeben: Infekt-anfälligkeit, Migräne, Rücken- und Magenschmerzen, Schlafprobleme, Müdig-keit. Eindeutige Symptome eines gebeutelten Körpers, die ich wahrnahm und „bekämpfte“. Anstatt auf den Grund des Übels zu gehen, versuchte ich mit Medikamenten die Hilferufe meines Körper zu ersticken.

„Shake the Baby now! Twist and Shout!“

Nachdem ich schließlich mit Burn-Out meine Stelle als Personalreferentin eines renommierten aber manipulativen Einzelhandelunternehmens aufgab, orientierte ich mich beruflich neu. Zum ersten Mal suchte ich mir meine Ausbildung mit voller Überzeugung und Leidenschaft aus. Nein, eigentlich waren es sogar zwei Ausbildungen gleichzeitig, die ich parallel begann: Tanzpädagogin und psychologische Tanztherapeutin. Denn jetzt kommt es! Gerade ich, die meinen Körper so lange Zeit vernachlässigt hatte, liebe das Tanzen. Widersprüchlich? Nein, eigentlich nicht! Im Tanz bin ich ganz bei mir und meinem Körper, im Fluss und in meiner Kraft. Das Kind von Damals wusste um dieses Talent und wollte unbedingt Tänzerin werden. Die junge Heranwachsende nach dem Abitur schon nicht mehr. Daher Jura! Ich fand, mit 33 Jahren wäre es höchste Zeit zur Rückbesinnung auf ursprüngliche Wünsche und Bedürfnisse. Eigentlich eine schöne Aufgabe und ein berechtigtes Ziel.

Leider hatte ich die Rechnung ohne meine inneren Leistungsantreiber und Kritiker gemacht. Denn schon im zweiten Monat nach Beginn der Ausbildungen bemerkte ich, dass ich schwanger war. Das war zwar irgendwie geplant und gewollt. Kam aber doch etwas ungünstig. Ich wollte doch möglichst schnell meine Abschlüsse machen, um meine eigentliche Herzens-wunsch-Karriere zu beginnen bevor ich 40 würde. Gleichzeitig tickte aber auch meine biologische Uhr und ein Kind wünschte ich mir auch. Die typische Frauenfalle schnappte zu und ich blieb zerrissen von widersprüchlichen Sehn-süchten darin hängen.

Mit dem Ergebnis, dass ich meine körperlich anstrengenden Ausbildungen weiterverfolgte und noch im neunten Monat mit überdimensionalen Babybauch und Wassereinlagerung in den Beinen HipHop, Jazz und Afro an zweitägigen Wochenend-Workshops tanzte! Der absolute Wahnsinn! Mir ging es dabei nämlich richtig schlecht. Abgesehen von den Schmerzen im Kreuz, Beinen und Unterleib hatte ich auch Atem- und Kreislaufprobleme. Mein Körper machte mir ganz klar, dass ich übertrieb. Und der Verstand wusste das aufgrund der tanzt-herapeutischen Ausbildung schon längst. Aber langjährig gezüchtete Antreiber und Kritiker lassen sich nicht so leicht zum Schweigen bringen. Irgendwie war es auch cool, als Powerfrau, die alles mit Links machte, wahrgenommen zu werden. Also, wurde mein Baby im Bauch weiterhin mit Musik beschallt und ordentlich gerüttelt und geschüttelt.

Schnipp, schnapp, schöner Traum ab…

Meinem persönlichen Leistungs-Zwist und Tanz-Twist wurde in der 39ten Woche ein jähes Ende gesetzt als ich mit Schwangerschaftvergiftung, HELLP-Syndrom und schlechten Kindsherztönen in den Notfall-OP kam. Kaiser-schnitt!

Nein, so hatte ich mir mein erstes Geburtserlebnis nicht vorgestellt! Jetzt, wo ich darüber schreibe, sind 6 Jahre vergangen. Aber ich merke, wie sehr die Enttäuschung noch in mir sitzt. Die Geburt und die Zeit danach sind für mich emotional mit dieser Enttäuschung verbunden. Immerhin habe ich während der Schwangerschaft so viele Bücher gelesen, wie es natürlich und richtig passiert und mich in Gesprächen und Kursen darauf vorbereitet. In schönen Träumen und Illusionen geschwelgt. Und dann kam es ganz anders! Vom Kopf her weiß ich mittlerweile, dass es viele Arten der Schwangerschaften, Geburten und Wochenbettzeiten gibt, die ganz und gar nicht dem schönen Ideal ent-sprechen. Und ich habe mit meinen beiden Töchter die wohl schlimmsten Alternativen durchlebt. Aber das Gefühl der Enttäuschung und Trauer lässt sich nicht so leicht besänftigen. Und ich denke, dass es auch noch einige Jahre dauern wird, bis ich mit meinen Schwangerschafts- und Geburts-traumata Frieden schließen werde. Denn es waren im wahrsten Sinne des Wortes einschneidende Erfahrungen!

Wahrhaftig geil?!

Ich merke beim Schreiben, dass ich recht sachlich über meine Tiefschläge berichten und viele „Drama“-Details weglassen kann. Es ist schön, zu spüren, dass die Zeit zu heilen vermag und ich reifer und realistischer geworden bin. Mein Körper ist mir ein guter Freund geworden, auf den ich jetzt bewusst höre und achte. Das ist bei all den leidvollen Erfahrungen, die ich gemacht habe, die gute Nachricht, die ich mit Euch Frauen teilen möchte. Wir gehen an Niederlagen nicht zu Grunde, sondern wachsen daran. Manche schneller, manche langsamer...

Wenn wir uns selber keinen Druck machen, mit unseren überzogenen Erwar-tungen an Erfolg, Karriere, Mutterwerden und -sein sowie Familienleben, ist das ein wahrer Befreiungsschlag. Wenn wir ehrlich mit uns und unseren (Miss-) Erfolgen umgehen, können auch keine verzerrte und realitätsferne Trugbilder entstehen. Es gibt eine Wahrhaftigkeit jenseits von rosaroten Schmonzetten und „das Leben ist kein Ponyhof-Szenarien“. Die zu erkennen und selbstbestimmt zu leben, ist einfach befreiend.

Ich teile mich mit meinem erfahrenen Leid in der Hoffnung mit, dass Euch dies auf Euren Lebens- und Entscheidungsweg hilfreich werden könnte. Und sei es nur, weil Ihr wisst, dass Ihr nicht alleine seid mit Euren individuellen Schick-salen. Geteiltes Leid ist irgendwie auch halbes Leid. Es gibt Schattenseiten im Leben, ja. Aber die Sonne kommt auch immer wieder. Im Vertrauen darauf, kann Unabhängigkeit und Freiheit entstehen.

Diese bereichernde Erfahrung konnte ich während meiner Tanztherapie-Ausbildung machen. Hier habe ich in vielen Gesprächsrunden mit meinen Kolleginnen zum ersten Mal wirklich verstanden, was Leben eigentlich bedeutet. Dass jede Frau ihr Päckchen zu tragen hat. Egal wie attraktiv, selbst-bewusst und erfolgreich sie nach Außen erscheint. Das sind die Trugbilder, denen wir verfallen, mit denen wir uns gerne vergleichen und messen. Immer nur die Sonnenseite, die Illusion sehen -jedoch nicht die Schattenseite. Und das verfremdet die Realität und das Leben, wie es eigentlich ist. Daher möchte ich auch von den Schattenseiten berichten, ihnen Raum geben und ihnen damit zu ihrer Berechtigung verhelfen. Nicht weil ich geil auf Negatives bin, sondern weil ich Wahrhaftigkeit geil finde.


53 Ansichten

© 2016-2019 by Andrea Winkler Coaching

Leubsdorf am Rhein/

Rheinland-Pfalz

am.winkler@icloud.com

  • Black Facebook Icon
  • Black Twitter Icon
  • Black Instagram Icon