Faulheit ist göttlich!

Aktualisiert: 23. Okt 2019


Wenn das Schicksal zweimal klopft

Klopf, klopf, klopf ….

“Hallo Andrea! Hast du es noch immer nicht begriffen? Ich bin es, dein Schicksal. Und ich gebe dir noch eine zweite Chance.“

Wenn man die Vernunft überhört und nicht auf die Notfallsignale seines Körpers achtet. Dann gibt es noch eine weitere Eskalationsstufe: das Schicksal.

In meinem Fall kam es während meiner zweiten Schwangerschaft in Gestalt meines im Bauch heranwachsenden Embryos. Dieses arme Wesen wollte unbedingt bei mir bleiben und geboren werden. Leider war es sehr gefährdet, weil ich fortwährend Blutungen aufgrund meiner falsch liegenden Plazenta hatte. Daher musste ich auf Anweisung meiner Ärztin zwangsentschleunigt werden. Und das bereits ab dem zweiten Monat.

Das Gebot der Stunde war Beine hochlegen und am besten gar nichts mehr tun. Puh…leichter gesagt als getan, mit meiner vierjährigen Tochter und meiner gerade aufgebauten Selbstständigkeit als Tanzpädagogin. Von 100 auf 0 herunterschalten ist gar nicht so einfach! Für mich war dieser plötzliche Kontrollverlust über meinen Körper, meinen Job und meinen Alltag das absolute Horrorszenario. Ich bin selbstbestimmt und lasse mir ungerne meine Ideen, Pläne und Unternehmungen durchkreuzen. Aber jetzt galt es ab-zuwägen, was wichtiger war. Mein Ego oder das kleine Baby in meinem Bauch. Und da es sich um ein lange gewünschtes Kind handelte, das mit viel Mühe endlich bleiben wollte, war ganz klar, wo die Prioritäten lagen. Also wurde eine Haushälterin engagiert, Omas, Papa, Freunde und Bekannte mehr in die Kinderbetreuung eingebunden, Vertretungen für meinen Unterricht organisiert und meine Tochter schonend damit konfrontiert, dass Mama mehr auf sich aufpassen müsse. Letztlich musste ich sogar meinen Kundenstamm dahinziehen lassen, weil sich meine Vertretungen als sehr unzuverlässig erwiesen. Für mich, die gerne alle Fäden in der Hand hält, war die Erfahrung loszulassen, ein von außen bestimmter Zwang und ich haderte stark mit meiner Situation.

Warum immer ich?

Womit hatte ich das verdient? Geht es denn nicht mal ganz normal wie bei anderen auch? Ich will nicht schon wieder eine „Extrawurst“ haben und schon gar nicht dadurch ausgegrenzt werden von denen, die eine schöne Schwangerschaft und eine natürliche Geburt erleben. Es reicht!

Die weiteren Monate lagen wie ein unüberbrückbarer Berg vor mir und ich wollte die Besteigung mehrmals aufgeben. Aber auch diesmal half mir mein starker Wille, der in einer ganz ungewohnten Gestalt auftrat. Kein Aktionismus, kein Machen, kein Powern und kein Starksein im üblichen Sinne. Nein, mein Wille kam ganz klein und bescheiden daher. Er gab mir immer wieder vor, Geduld zu haben, loszulassen, Demut und Dankbarkeit zu üben und meine Schwäche zu akzeptieren. Mit der Zeit wurde ich sozusagen stark mit und in meiner Schwäche. Denn als solche empfand ich sie zu Beginn. Und ich hatte Zeit! Viel Zeit, um mir Gedanken darüber zu machen, warum?!

„Müßiggang ist aller Laster Anfang!“

So lautet ein gern genutztes deutsches Sprichwort, das sich auf das Laster „Faulheit“ der klassischen Theologie bezieht und es gerne damit verwechselt. Was früher noch als Privileg des Adels galt und der kulturellen Entfaltung diente, wird heute scharf kritisiert und verurteilt. Wer will da schon den leisesten Anschein von Faulheit erwecken? Wo doch gerade Leistung, Erfolg, Dynamik, Präsenz und ständige Erreichbarkeit als erstrebenswerte Tugenden gefeiert und gelebt werden? Müßiggang muss sich erstmal mit rechtschaffener Arbeit verdient werden. Wer der „Dolce Vita“ frönt, ohne dafür etwas getan zu haben, ist dekadent, luxus-verwöhnt, ….oder einfach nur „eine faule Sau“, bzw. außerhalb des Systems.

Aber bin ich tatsächlich faul, wenn ich meinem Körper und meinen Sinnen Ruhe gönne? Wenn ich bewusst Nichts tue, außer meinen Gedanken und Ideen nachzuhängen? Wenn ich nicht einer vorgegebenen Struktur von Alltag und Arbeit nachgehe, sondern meine Prioritäten selbst bestimme…und zwar danach, ob ich Lust darauf oder Kraft dazu habe? Ist es verwerflich, es sich gut gehen zu lassen und den schönen Dingen im Leben den Vorrang einzu-räumen? Ohne vorher wie bekloppt, dafür zu schuften, um es sich dann auch „wirklich mal verdient“ zu haben?

Natürlich gibt es heutzutage viele Wellness, Entspannungs- und Entschleuni-gungsangebote, die zum „Faulsein“ einladen. Diese setzen aber den gestressten, bzw. krankhaften, Grundzustand als selbstverständlich voraus und sind darüber legitimiert. Sogar durch die Krankenkassen, die Präventions- und Entspannungsangebote gerne übernehmen. Schließlich sollen wir -bei aller Ausbeute unserer Ressourcen- für den Arbeitsmarkt noch funktionstüchtig bleiben. Aber bitte nicht richtig „kerngesund“! Sonst verdienen Pharma-industrie, Ärzte, Therapeuten und co. sich ja nicht mehr eine goldenen Nase an uns. Und auch die Konsumwirtschaft würde leiden, wenn alle Menschen in sich ruhten und keine Ersatzbefriedigungen mehr benötigten. So krank ist unsere Gesellschaft bereits geworden! Im mehrfachen Sinne!

Was wäre wenn…

…mein persönliches Lebenskontigent ganz plötzlich erschöpft ist, ich plötzlich tot umfalle und nach dem Ackern keine Belohnung mehr käme? Das Leben ist launisch und der Tod die einzig absolute Komponente. Da können wir uns noch so gerne in Sicherheit wiegen…

Mein Lebenslimit hatte ich mit der Geburt meiner zweiten Tochter annähernd erreicht. Nach einer fünf Stündigen OP, 20 Blutkonserven und einem komplett ausgetauschten Bluthaushalt, darf ich mich glücklich schätzen, dem Tod noch-mal von der Schippe gesprungen und noch am Leben zu sein. [An dieser Stelle danke ich allen Lesern/Leserinnen, die selber Blutspender/-innen sind: „Ohne Euch gäbe es mich nicht mehr! Tausend Danke-Schön-Küsse!“ ]

Diese Grenzerfahrung macht nicht nur dankbar, sondern auch demütig. Es hat mir gezeigt, wie fragil und begrenzt mein Leben ist…allzu sehr, als das ich mich mit Oberflächlichkeiten, gängigen Lebensentwürfen und Fremd-bestimmungen abgeben möchte. Nein, meine Aufgabe ist es, das Leben jeden Tag auf’s Neue freudig zu begrüßen, gebührend zu feiern und alleine schon mein DAsein zu genießen.

„Am siebten Tag ruhte Gott von seiner Arbeit aus.“

Auch Gott ruhte sich aus, nachdem er die Welt erschaffen hatte und genoss sein Werk. Das war sein heiliger Tag und unser Sonntag.

Was will uns dieses Bibelzitat damit sagen? Ja, auch Gott musste erstmal schwer ackern und er ruhte danach für sage und schreibe einen Tag lang aus. Selbst in der klassischen Theologie wird also die Faulheit nur toleriert und sogar als heilig betrachtet, wenn vorher etwas geleistet, bzw. geschaffen wurde. Aber wenn wir danach gingen, wäre alles, was unter dem Anspruch „Welt erschaffen“ läge, keine wahre Arbeit und wir hätten nie die Absolution zum Ausruhen. Vielleicht ist das ja der Grund für unser größenwahnsinniges Erfolgsstreben und unser „Per Petuum Mobile“-Dasein?

Was für uns nicht erreichbar ist, müsste doch für einen allmächtigen Gott ein Leichtes gewesen sein. Wieso gehen wir eigentlich davon aus, dass es sich bei der Erschaffung der Welt um Arbeit handelte? Ist es nicht wahrscheinlicher, dass Gott das als Zeitvertreib, mit Spaß, Hingabe und ganz entspannt bewerk-stelligt hat?

Oder wäre das mal ein Anlass, unsere Definition von Arbeit zu überdenken? Arbeit kann für jeden einzeln gesehen so umfangreich sein, wie Gottes Unter-fangen die Welt zu erschaffen. Aber sie darf uns ebenso leicht von der Hand gehen wie einem allmächtigen Gott, weil wir sie mit Spaß, Hingabe und innerer Entspanntheit leisten. Dann wäre es keine Arbeit im üblichen Sinne mehr, sondern daneben Ausgleich, Spaß und Entspannung. Es bedürfte keiner Trennung mehr zwischen ihr und der Freizeit und wir hätten immer FREIbeit oder ArbZEIT!

Und wer sagt denn, dass es Gottes ursprünglicher Plan war, danach nur EINEN Tag zu ruhen? Als er das Paradies mit Adam und Eva erschuf, war alles so perfekt, dass er bis in die Ewigkeit hätte ausruhen können. Und hätten die ersten Menschen nicht vom Baum der Erkenntnis gegessen, dann hätte der liebe Gott ihnen beim Vermehren, Spaß haben und Faulsein zuschauen können. DAS war der ursprüngliche Plan! Den wir Menschen leider durchkreuzt haben mit unserer ständigen Unzufriedenheit. Ein Leben lang zu schuften, zu arbeiten, Leid und Schmerz zu kennen, war nur die Bestrafung beim Rauswurf aus dem Paradies und so nicht vorgesehen.

Wenn ich mir also mein persönliches Paradies jeden Tag auf die Erde hole und gönne, dann führe ich nur Gottes ursprünglichen Plan aus. Deshalb ist meine Faulheit einfach nur göttlich!


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© 2016-2019 by Andrea Winkler Coaching

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