Wut tut gut! Schluss mit Schuld und Scham...

Aktualisiert: 23. Okt 2019


Political correctness?!

Nein Danke! Normalerweise schreibe ich differenziert, meist wertungsfrei und relativiere gerne meine Thesen. Heute haue ich aber so richtig auf die Kacke! Denn das Thema muss raus…ungefiltert. Also, für alle, die gerne den Moral-Apostel spielen: Das wird ein gefundenes Fressen für Euch! Aber dieser Befreiungsschlag ist schon lange fällig! Denn Wut und Aggression gehören leider noch zu Tabu-Themen in unserer sonst freizügigen Gesellschaft.

Ich bin weder eine Cholerikerin, noch eine "Grobianin". Ich bin eine normale, reflektierte Frau und einfach nur menschlich. Und seitdem ich Mama bin, komme ich häufiger an meine emotionalen Grenzen als früher -zumindest was das Thema Wut betrifft. Vor kurzem hatte ich einen richtigen Ausraster. Mit Schreien, Kind im Badezimmer einsperren und eine Ohrfeige geben. Und wie es sich für jede perfektionistische Mutter gehört, habe ich mich danach wie die Rabenmutter schlechthin gefühlt. Und zwar so extrem, dass das Drama mit meiner Großen am nächsten Tag in die zweite Runde ging. Wenn schon Scheitern, dann aber richtig!

Was Wut und Schokolade gemeinsam haben

Das kennt „frau“ von Fressattacken während der Diätzeit. Erst ist es nur ein Stückchen Schokolade für den Genuss, dann ein Zweites, weil es einfach so lecker ist, dann ein Drittes, um die Nerven zu beruhigen…und da das Kind eh schon in den Brunnen, bzw. die Schoki in den Magen, gefallen ist, haut man sich aus Resignation, Scham und Schuld die ganze Packung rein… Dient auch ein wenig dem Überlebensinstinkt einer sich zur Diät kasteienden, ausge-hungerten Frau.

Ich weiß, dass der Vergleich ein wenig hinkt. Denn ich raste nicht aus Genuss aus. Bin ja keine Sadistin! Obwohl es schon gut tut, die Dämme einzureißen und den angestauten Frust von gefühlt 100 Jahren rauszubrüllen. Und beruhigend ist das mit dem Wutausbruch eigentlich auch. Nachdem es vorbei ist, herrscht erstmal Stille. Ich fühle ich mich still und leer. Zwangsentleert sozusagen. Und irgendwie betäubt. Schließlich will ich nicht, dass mich Schuld und Scham direkt überrollen. Und das geht nur, indem ich mich innerlich und emotional tot stelle. Am liebsten wäre mir dann auch ein kurzer äußerlicher Tod oder einfach nur vom Erdboden verschluckt zu werden. Damit ich die eskalierte Situation, mein heulendes, tobendes und leidendes Kind nicht mehr aushalten, retten und klären muss.

Und hier ist der entscheidende Unterschied zur Schokofressattacke! Nachdem die Schokoladenpackung nämlich vertilgt wurde, kann ich mir entweder die Nächste und die Übernächste holen, bis mir total schlecht wird und es dadurch ein Ende findet. Oder ich kann mich ganz im Selbstmitleid suhlen und mit dem Heulen anfangen. DAS geht nicht, wenn man sich an seinem Kind abreagiert hat und noch ein letztes Bisschen erwachsenen Menschenverstand in sich trägt. Ich kann nicht weitermachen mit dem Ausflippen und ich habe nicht die Zeit für Selbstmitleid und Weinen. Nein, ich muss durch den Monsun bis ich mein armes Kind wieder besänftigt, beruhigt und ihm versichert habe, dass da noch ganz viel Liebe ist -trotz des Wutausbruchs. Und das kostet eine Menge Energie! Es ist eine fast übermenschliche Leistung!

Einmal Kind-Sein und zurück

Vor allem für das innere Kind in mir, zu dem ich in meiner Wut geworden bin. Dieses will sich die Ohren zuhalten, weglaufen oder weitertoben wie bei einem regelrechten Trotzanfall. Letztlich auch bedauert, getröstet und vor allem ver-standen werden. Das kann ich von meinen Kindern aber nicht erwarten. Dafür bin ich als erwachsene Frau schon selber verantwortlich. Zum Glück! Aber auch leider! Denn da ist noch ganz viel erwachsener Kritiker, Zurechtweiser und Besserwisser in mir. Und dieses Scham- und Schuldmonster kriecht immer weiter in mir hinauf. Will mich mit Haut und Haar fressen, bis nichts mehr von meinem eigentlichen Wesen existiert. Das einzige Mittel, mit dem ich das Monster aufhalten und besänftigen kann, sind Opfergaben. Und ich opfere meine eigenen Bedürfnisse und Gefühlsregungen, mein innerstes ICH und werde wieder zu der „perfekten“ Mutter, die für ihr Kind immer da sein und es immer auffangen muss. Und da das überhaupt nicht, nie, niemals möglich ist mit dem Perfektionismus und in der Situation ein Widerspruch in sich ist, leide ich erstmal still weiter.

An jenem Tag konnte ich meiner Tochter die Provokationen, Unverschämt-heiten, Regelverletzungen und Rangeleien verzeihen. Ich hatte Verständnis für sie und konnte auch nachempfinden und fühlen, warum sie sich so verhielt. Ich konnte ihr zeigen, dass trotz der Wut die Liebe für sie weiterhin existierte.

Mit mir war ich nicht so nachsichtig. Ich konnte mir nicht verzeihen, habe mich furchtbar schlecht und böse gefühlt und mich schon fast gehasst! Leider war da auch niemand, bei dem ich mich hätte ausheulen können. Meine Vertrauensperson Nr. 1, mein Mann, war leider auf Dienstreise. Und so kam es, dass sich das Drama in die zweite Runde, in den zweiten Tag weiter-entwickelte…

Ist frau einmal in den Fängen des Schuld- und Schammonsters und hat sie keine Wege gefunden, sich mit ihm zu versöhnen und wieder gut zu sich selber zu sein, ist die nächste Eskalation vorprogrammiert. Dann reichen schon die kleinsten, alltäglichen Missgeschicke aus, um die Wut zu reakti-vieren. Und das unabhängig davon, ob es zwischenzeitlich auch harmonisch und gut verläuft. Das ist nur an der Oberfläche -sozusagen das Opfer für das Schuld- und Schammonster, das Verleugnen der eigenen Bedürfnisse und Gefühle.

Ich bin mir sicher, dass es viele Frauen schon so perfekt verstehen, sich aufzuopfern, dass ihnen gar nicht mehr bewusst ist, ob es sich um ihr wahres ICH handelt. Sie sind dann besonders geschockt, wenn sich das innerste ICH mit Gewalt zurückmeldet. Und das gerne in Situationen, die ganz unauffällig und unschuldig daher kommen.

Mir erging es am zweiten Tag ähnlich. Irgendwie gab es viele schöne Momente mit meinen Töchtern, so dass es danach aussah, als ob ich das Monster in mir bezwungen hätte. Im Nachhinein kann ich die Warnzeichen aber besser deuten. Die "leichte" Gereiztheit, die permanent zugegen war, die Alltags-situationen, die plötzlich den Anstrich von Schuldzuweisung bekamen. Jeder noch so kleinste Kontakt mit meinen Mitmenschen erschien mir eine unaus-gesprochenen Anklage zu enthalten. Das kam nicht so offensichtlich daher. Nein, meine eigene Wahrnehmung schien ein wenig verrutscht und ich hatte das Gefühl, mich ständig für die kleinsten Dinge rechtfertigen zu müssen. Meine Mädels schienen mich an diesem Tag auch besonders oft zu brauchen oder meine Aufmerksamkeit einzufordern. Ich hatte das Gefühl von innen heraus ausgesaugt und von ihnen belagert zu werden. Das Atmen fiel mir schwerer.

Die Dämme brechen ein

Das Ende des Liedes war dann mein erneuter Wutausbruch im Supermarkt. Mir fuhr nämlich eine andere Käuferin mit ihrem Wagen in die Hacksen und das tat höllisch weh. Obwohl sie sich direkt entschuldigte, wollte ich meinen Schmerz und meine Wut nicht hinunterschlucken: „Warum passen Sie nicht besser auf? Können Sie nicht einen Moment warten, bis ich fertig bin?“. Jede „normale“, gesellschaftlich akzeptable Reaktion, hätte beteuert, dass es schon nicht so schlimm sei. Die Frau war entsprechend schockiert und meinte nur noch im Weggehen: „Gehen Sie das nächste Mal ohne Kinder einkaufen!“ Ist ja klar! Jetzt war ich auch noch eine überspannte und überforderte Mutter, die im Alltag aufgrund ihrer Kinder ausrastete. Danke, aber in diese Schublade möchte ich nicht gesteckt werden. Obwohl es im Grunde genau das war an jenem Tag. Aber wer will das schon gerne zugeben. Ich humpelte davon, schimpfte weiter vor mich her und kümmerte mich einen Dreck um die anderen Beobachter und um den Anstand. Scheiß auf "Rabenmutter-Mutter-Klischèe!"

Meine Kinder bekamen auch ihr Fell weg. Die Argumente gingen mir nicht aus und waren an sich berechtigt. Nur nicht in jener Situation! Da waren beide wirklich lieb und ich einfach nur ungerecht. Meine Älteste wehrte sich berechtigter Weise und brachte mich damit zur Weißglut. Ich tat dann das, was ich schon am vorherigen Tag hätte machen wollen. Ich schnappte mir dir Kleine, ließ den Einkaufswagen, darin meine bockige Ältere im Supermarkt stehen und lief zum Auto. Das innere Kind in mir hatte gesiegt über das Schuld- und Schammonster und über den gesellschaftlich vorgegebenen Anstand.

Nachdem wir endlich alle im Auto saßen, kam die Trauer. Meine Große schimpfte auf mich ein, aber ich reagierte nicht mehr. Ich weinte leise vor mich hin. Und das den ganzen Weg nach Hause. Irgendwann war alles raus: die Trauer über Mißstände in der Partnerschaft, in der Familie, in der Schule der Großen, mit der Haussuche, in meiner Selbstständigkeit,…über die Einsicht, dass meine Tochter genauso unperfekt ist wie ich. Das waren die wahren Gründe für meine Wutausbrüche. Im Prinzip, dass meine Bedürfnisse insgesamt zu kurz kommen in unserem durchgetakteten, strukturierten und schnellen Leben. Die Wut war nur das „Deckelgefühl“, was mich davor bewahrt hatte, durchzudrehen und unterzugehen. Denn Wut trägt eine starke Energie in sich, die alles andere davonspült. Wie ein reinigender Monsum.

Wut braucht Beachtung

Diese Einsicht möchte ich mit Euch teilen. Denn ich bin mir sicher, dass noch viele Frauen in höchster Gefahr vor dem Schuld- und Schammonster leben.

Letztlich ist die Wut ein berechtigtes und hilfreiches Gefühl. Ein Warnsignal! Es zeigt an, dass schon zu lange Bedürfnisse und wahre Gefühle übergangen wurden. Sie ist der Vorbote für die anderen Gefühle wie Trauer, Hilflosigkeit, Frust, Angst und Leid, die in uns stecken und beachtet werden wollen. Wenn wir genau dorthin schauen, können wir Mißstände in unserem Leben ändern. Dann wird auch die Wut nach und nach verrauchen und den Gefühlen weichen, die uns voranbringen. Es mag schmerzhaft sein. Niemand mag sich aggressiv oder schwach fühlen…und schon gar nicht, dabei beobachtet zu werden. Aber das Schuld- und Schammonster wird nicht aufhören, uns von innen zu zerfressen, wenn wir nicht hinschauen, erkennen, ändern, entwickeln und uns mit ihm versöhnen. Niemand wird uns die Absolution geben oder uns die Scham- und Schuldgefühle nehmen können, außer wir uns selber.

Ich habe mir nach den zwei Tagen endlich selber verziehen und mich mit meinem Monster versöhnt. Ich war gut zu mir und habe mir zwei kinderfreie Tage, ein wenig Wellness, Shopping und die Zeit für diesen Blog gegönnt. Denn das Schreiben an sich klärt noch einiges im Nachgang auf und ist heilsam für die Seele.

In diesem Sinne verwöhne ich mich noch etwas weiter. Greife voller Genuss und ohne Scham und Schuld zu meiner Schokolade. Lass es dir schmecken, liebe Andrea! Und Ihr Euch auch...


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© 2016-2019 by Andrea Winkler Coaching

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