Die Mär von den Mutterinstinkten

Aktualisiert: 23. Okt 2019


(Bild der Frauenrolle im Dritten Reich. Quelle: Pinterest)

Kinderwunsch mit weit-reichenden Folgen

Das mal vorneweg: ich liebe meine zwei Mädels! Ich möchte sie auch nicht wieder hergeben. Und keinen der kostbaren Momente mit ihnen missen.

ABER...hätte ich vor 7 Jahren anders entschieden, wenn ich mir der Tragweite der Mutterschaft sowie deren Konsequenzen für meine Freiheit, Persönlichkeitsentfaltung und mein Berufsleben bewusst gewesen wäre?

Bisher habe ich immer behauptet, dass damals -ich war Anfang 30- meine bio-logische Uhr sehr eindringlich und unangenehmen zu ticken begann. Mir meine Mutterinstinkte gar keine andere Wahl ließen. Aber war das wirklich so?

Ein sehr lesenswerter Artikel der Feministin Elisabeth Badinter, machte mich vor Kurzem hellhörig für das Thema Mutterschaft und aufmerksam auf Ihr Buch „Der Konflikt- Die Frau und die Mutter“. Hier wird u.a. der viel beschworene Mutterinstinkt sowie die Rückkehr zur "naturalistischen Mutterrolle" in Frage gestellt. Seitdem komme ich aus dem Nachdenken und Hinterfragen nicht mehr heraus.

Verzweiflungstat Kinderkriegen

Leider muss ich mit etwas Abstand und bei genauerem Hinsehen meine bisherigen Kinderwunsch-Erklärungen korrigieren. Mit Instinkten und Biologie hatte das wirklich nichts zu tun.

Wenn ich ehrlich bin, war es eher eine Verzweiflungs-Entscheidung!

Nach meinem Jurastudium, das ich mit starken Widerwillen mit dem 2. Staatsexamen abgeschlossen hatte, kam ich auf einen Arbeitsmarkt, der von Juristen übersättigt war. Mich brauchte man zu der Zeit nicht wirklich. Schon gar nicht mit meinen Abschlüssen -beide Male gerade so durch die Examina gekommen. Ich musste mich aus der Arbeitslosigkeit richtig heraus kämpfen. Durch Nebenjobs und Praktika mein Profil pimpen.

Als ich nach einem Jahr bei einem renommierten Einzelhandels-Konzern als Personalreferentin einstieg, war ich voller Freude, Hoffnung und Dynamik. Aber auch hier erlebte ich eine herbe Enttäuschung. Mein Arbeitseifer und die Lust, Dinge anzupacken und Neues auszuprobieren, wurden ausgebremst und ich schlussendlich von meinem Chef aus dem Unternehmen gemobbt.

Genau zu diesem Zeitpunkt kamen zwei Wünsche in mir auf: Der eine nach beruflicher Selbstverwirklichung und der andere nach dem Muttersein. Beide entsprangen aus der damaligen Unzufriedenheit mit meinen bisherigen Job-erfahrungen. Und beide waren mein Ausweg aus der Notlage. Wobei der Wunsch nach einem Kind der naheliegendere war. Immerhin hatte ich zu jener Zeit frisch verliebt einen Mann gefunden, der sich auch eine Familie wünschte. Also stürzten wir beide uns nach gerade Mal einem halben Jahr Beziehung, in die „Kinderzeugungs-Phase“. Und nach einem Jahr und einer Fehlgeburt klappte es. Wir bekamen unser erstes Mädchen.

Im Nachhinein hatte ich einfach Glück, dass meine zwei Entscheidungen für mich tatsächlich richtig waren. Die eine gut recherchierte und durchdachte berufliche Neuorientierung und die andere, wortwörtliche Bauchentscheidung. Ich bin trotz aller Schwierigkeiten vor und in der Schwangerschaft, um die Geburt herum sowie der ersten Zeit danach wirklich gerne Mami. Und ich habe meinen Lebenstraum, mich in meiner Arbeit selbst zu verwirklichen, etappenweise umgesetzt.

Aber das hätte auch nach hinten losgehen können! Ich war damals in einer emotionalen Ausnahmesituation -nach 4 Jahren aus dem Job geekelt, Anfang 30 und empfänglich für die gesellschaftliche Rollenzuweisung als „Spätmutter“.

Unwissenheit schützt vor "Strafe" nicht

Außerdem war ich über die Mutterschaft und deren wahren Dimensionen schlecht aufgeklärt. Im Grunde romantisch verklärt! Ich wusste nichts von einer hohen Fehlgeburtenrate in den ersten 12 Schwangerschaftswochen, Schwan-gerschaftsvergiftung und HELLP-Syndrom, Notfallkaiserschnitt, Schmerzen beim Stillen, Wochenbettdepression, Müdigkeit bis hin zu absoluter Ent-kräftung, Selbstaufgabe, körperlicher und psychischer Überforderung, gesell-schaftlicher Druck, Konkurrenz unter Müttern sowie mentaler Unterforderung und endlos scheinender Langeweile.

Schwanger- und Mutterschaft gehören in unserer Gesellschaft so selbst-verständlich zum Frausein dazu, dass wir Frauen gar nicht groß hinterfragen und uns unzulänglich über die Folgen informieren. Wie kann es sein, dass wir vor einer wichtigen Jobentscheidung recherchieren, informieren, abwägen und uns über alle Details Gedanken machen? Aber in der weitreichendsten Ent-scheidung, die wir in unserem Leben überhaupt treffen können -lebenslange Verantwortung für ein anderes Lebewesen zu übernehmen - mitunter naiv, überstürzt und sorglos vorgehen?

Ich möchte jetzt hier nicht die Frauen an den Pranger stellen. Immerhin bin ich nicht viel aufgeklärter vorgegangen, sondern hatte wie gesagt wirklich Glück mit meiner intuitiven Entscheidung. Aber über dieses Phänomen sollte man, bzw. frau, sich schon mal Gedanken machen. Mir zumindest gibt es zu denken: Was wäre gewesen, wenn ich es bereut hätte? Wie wäre die Beziehung zu meinen Kindern? Wie würde ich jetzt leben? Was würde mein Umfeld über mich denken, wenn ich diese Reue zugeben würde? Könnte ich mit meiner Fehlentscheidung Frieden schließen und trotzdem glücklich werden? Würde ich meine Familie verlassen, wenn nicht?

„La Mama“ oder die „Übermutter“

Dieses gesellschaftlich romantisierte Bild der Frau in ihrer "naturalistischen Rolle" als Mutter sowie das Verklären der „natürlichen“ Instinkte wie Stillen, Fürsorge und Selbstaufgabe zweifelt Elisabeth Badinter an und zieht geschichtliche Vergleiche zwischen der Frauenrolle in Frankreich und Deutschland.

Hier wurde im Dritten Reich die Frau hauptsächlich in der Mutterrolle propagiert. Sobald eine Frau Kinder bekam, war sie hauptsächlich Mutter und alleine für die Kinder verantwortlich. In Frankreich galt es schon im Mittelalter als „chic“ und selbstverständlich, die Kinder von einer Amme stillen und aufziehen zu lassen. Die Rolle als Frau, die ihrem Mann und nicht ihren Kindern dienen sollte, war anscheinend wichtiger.

Interessanterweise gehen die Frauen in Frankreich nach der Geburt wieder sehr früh arbeiten und werden dafür von der französischen Gesellschaft nicht verurteilt. Es ist schlichtweg normal nicht nur Mutter, sondern berufstätige Frau zu sein. Hier in Deutschland wird das Bild der fürsorglichen Übermutter gerne idealisiert, die in den ersten Lebensjahren die natürliche und hauptsächliche Bezugsperson der Kinder sein sollte. Wenn sie -ohne finanzielle Not- ihr Kind früh nach der Geburt in eine Kinderkrippe gibt, wird sie schnell als Raben-mutter beschimpft. Gleiches gilt auch für Frauen, die sich gegen das "natürliche" Stillen entscheiden oder die ihr Kind nicht direkt nach der Geburt inniglich lieben.

Ich persönlich stecke selber in dieser Definitionskrise der Frau und Mutter in Deutschland. Und kann auch nicht allgemein gültig erklären, was „die Frau“ auszeichnet und „die Mutter“ ausmacht. Inwieweit die biologischen Instinkte maßgebend sind, bzw. geschichtliche und gesellschaftliche Faktoren das Rollenbild beeinflussen.

Praxis schlägt Theorie

Ich kann nur Rückschlüsse aus meinen persönlich gemachten Erfahrungen sowie Beobachtungen ziehen. Zum Beispiel beim großen Trendthema „natürlich Stillen“. Hier geht es gar nicht so sehr um Mutterinstinkte. Sondern darum, wie gut die Hebamme in den ersten Momenten mit Rat, Tat und Zuversicht zur Seite stand. Und inwieweit das Kuschelhormon Oxytocin Zeit hatte, bei der Mutter zu wirken.

Bei meiner ersten Tochter wurde ich schlecht begleitet und musste nach zwei Brustentzündungen und 3 Monaten die Flinte ins Korn werfen. Bei meiner zweiten Tochter hatte ich zwei sehr gute Hebammen im Krankenhaus und zu Hause. Diese gaben mir die Zuversicht, dass ich es schaffen kann. Und letztlich war es Übungssache, Geduld und der Wunsch meinem Kind diesmal noch näher zu sein.

Beim Thema Beruhigen und zum Schlafen bringen kann frau auch nicht von Mutterinstinkten reden. Es ist mehr eine Sache von (Vor-) Erfahrung, Trial and Error, Tagesform oder einfach glückliche Fügung, ob wir ein Kind beruhigen können, bzw. es sich leicht beruhigen lässt. Auch hier ist es nicht der viel zitierte Instinkt. Und schon gar nicht einer, den ausschließlich die Mutter hat. Manchmal lässt sich ein Kind beim Vater leichter beruhigen, weil es nicht die Muttermilch riecht. Oder der Vater noch nicht so überreizt und genervt ist vom Kind.

Ohnehin habe ich die Erfahrung gemacht, dass der Mann außer Stillen so ziemlich alles genauso gut übernehmen kann, was die Mutter macht. Voraus-gesetzt er will es wirklich und ist mit Liebe und Geduld bei der Sache. Dies macht mich nicht automatisch zu einer schlechten Mutter oder ihn zu einem besseren Vater. Sondern nur uns beide zu gleichberechtigten und gleich-verpflichteten Eltern.

Aus meinen persönlichen Erfahrungen aus sieben Jahren Muttersein kann ich Elisabeth Badinter darin beipflichten, dass unsere Politik und Gesellschaft Frauen als "naturalistische Mütter" wieder verstärkt in die Verantwortung nehmen und damit die bisherigen Gleichberechtigungsbemühungen zwischen Mann und Frau bzw. Vater und Mutter gefährden.

Bleibt zum Schluss nur die Frage warum?


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