Krebsdiagnose im Nikolausstiefel

Aktualisiert: 23. Okt 2019


„Guten Morgen ihr Langschläfer! Habt ihr schon vor die Haustür geschaut?“ lockt uns ein gutgelaunter Papa aus den Betten. „Oh ja! War der Nikolaus schon da?“ rufen meine beiden Mädels und springen ungewohnt heiter und motiviert aus den Federn. Vor der Tür unserer vor Kurzen erworbenen Doppelhaushälfte begrüßen uns ein noch dunkel-kalter Nikolausmorgen und 6 gefüllte Winterstiefel –zwei Stiefelpaare für unsere Töchter, weil in einen Mini-Stiefel sonst nichts reinpasst. Und jeweils ein Stiefel für uns Großen. Ungeduldig zerren die Mädels die Nikolausgaben in das Wohnzimmer und stürzen sich über ihre kleinen Überraschungen und Süßigkeiten. Nachdem alles begutachtet, probiert und gekostet wurde, dürfen auch Mama und Papa ihre Geschenke aus den Stiefeln ziehen und sich daran erfreuen. Munter wird der Tag mit einem sehr süßen Frühstück begonnen –die 6. Adventskalendertür verbarg zum Überfluss auch noch einige Leckereien- und die Kinder müssen kaum aufgefordert werden, sich für Schule und Kita fertig zu machen. Schließlich können sie es kaum erwarten, dem Nikolaus persönlich für ihre Geschenke zu danken. Papa übernimmt heute mal den Bringdienst für beide Mädels, weil er mit dem Auto zur Arbeit fahren möchte. Und ich habe einen ruhigen und entspannten Start in den Tag mit einer Tasse heißen Kaffees und einem warmen Backofen-Croissant.

Gerade als ich mich in meine Online-Arbeit vertieft und meinen virtuellen Adventskalender bei Facebook beworben habe, klingelt das Telefon. „Guten Morgen Frau Winkler! Hier ist die Gynäkologie. Leider müssen Sie heute doch nochmal herein kommen, weil die Frau Doktor mit Ihnen persönlich reden möchte.“ „Geht es um den Befund?“, frage ich überflüssiger Weise nach. „Ähm, ja, das sollte jetzt dringend besprochen und schnell gehandelt werden, sagte Frau Doktor!“ Meine Beine zittern, ich höre das Blut in meinen Ohren rauschen, mein Herz rast wie verrückt und ich stehe kurz vor einer Panikattacke…Jetzt schnell Friedrich anrufen, denke ich nur noch. „Friedrich?! Du musst mich zur Frauenärztin begleiten. Der Befund der OP ist doch schon da und es hat sich gar nicht gut angehört! Oh Gott…was ist, wenn es jetzt doch Krebs ist?“

Aber wie kann das sein? Gestern war ich noch bei der Gynäkologin, um die Nähte ziehen zu lassen und sie meinte, der Befund würde frühestens Ende der Woche zu erwarten sein und ich solle bloß nicht mit Kopfkino anfangen. Der Knoten in der linken Brust sei ja vom Radiologen als gutartiges Fibroadenom diagnostiziert und nur auf meinen eigenen Wunsch trotzdem entfernt worden. Vielleicht bin ich verwechselt worden? Vielleicht handelt es sich gar nicht um meinen Befund? Oder das entnommene Gewebe wurde vertauscht? Am Tag meiner Brust-OP wurde doch noch eine Frau namens Andrea operiert…meine Gedanken fahren Achterbahn und ich stelle mir die abstrusesten Alternativen vor, um mir die Gründe für das persönliche Gespräch bei Frau Doktor schön zu reden und eine mögliche Brustkrebserkrankungen auszuschließen.

Leider bewahrheitet sich die schlimmste Konstellation! Sehr einfühlsam aber trotzdem sachlich klärt mich meine Frauenärztin auf. Sie hatte ich Mitte Oktober aufgrund eines schmerzenden Knotens in der linken Brust als erste Ärztin an unserem neuen Heimatort aufgesucht. Obwohl sie damals von einem gutartigen Knoten ausging, überwies sie mich sicherheitshalber zu einem Ultraschall bei einem Radiologen in Bad Honnef. Dieser ging auch zu 90% von einem gutartigen Fibroadenom aus und wollte diese Diagnose mittels Biopsie bestätigt wissen. Da ich nichts von dieser Gewebeentnahme unter Lokalnarkose hielt, bestand ich darauf, den Knoten als Ganzes unter Vollnarkose operativ zu entfernen, weil er mir Schmerzen verursachte.

„Frau Winkler, Sie hatten einen guten Riecher, dass Sie den Knoten entfernen ließen. Und gestern konnte ich Sie auch nicht beruhigen, dass alles gut ist. Sie hatten da zu Recht ein ungutes Gefühl: Der Befund ist negativ und der Knoten leider bösartig. Es handelt sich um einen sehr aggressiven, schnell wachsenden Tumor.“ In der nächsten halben Stunde erklärt uns Frau Doktor, dass es bösartige Tumore gibt, die klar abgegrenzt sind und wie ein Fibroadenom aussehen. In der pathologischen Untersuchung aber als bösartig erkannt werden. Sie nimmt sich Zeit, um den weiteren, standardisierten Verlauf bei Brustkrebs genau zu erklären und macht direkt für den Folgetag ein OP-Gespräch in Bad Honnef bei der Ärztin, die mich bereits das erste Mal operiert hatte, aus.

Ich fühle mich benommen und gar nicht direkt angesprochen. Als ob das ganze Thema Brustkrebs nicht mich betrifft, sondern eine andere Person. Alle Infos rauschen so an mir vorbei und ich hoffe immer noch, dass es sich um eine Verwechslung, bzw. um vertauschte Gewebeproben handelt. Zeitgleich spielt sich ein Endzeitfilm vor meinem geistigen Auge ab. Wie lange habe ich noch zu leben? Was wird mit den Kindern? Wie bringe ich ihnen bei, dass ich Krebs habe? „Muss ich sterben?“, frage ich die Ärztin direkt. „Nein, an Brustkrebs stirbt man heutzutage nicht mehr.“, antwortet sie. Aber wirklich hilfreich ist ihre Aussage auch nicht. Denn schließlich kann man an den Folgen des Brustkrebses sehr wohl sterben! Leider kann sie mir auch nichts zum Stadium des Tumors sowie zu den Heilungschancen sagen, weil es sich um einen Schnellbefund handelt, der noch keine Details enthält.

Mit einem neuen OP-Termin in Bad Honnef und noch letzten tröstlichen Worten im Ohr verlassen wir die Praxis. „Puh,…ich muss mich jetzt bewegen! Lass uns bitte an den Rhein runter spazieren gehen!“, bitte ich verzweifelt und stark aufgewühlt meinen Mann.

Das ist mein schicksalschwerer Nikolaustag 2016, den ich betäubt und tranceartig, gelegentlich von Todespanik und Verzweiflung geschüttelt, verlebe. An Schlaf ist diese Nacht nicht zu denken! Die Ungewissheit, wie sehr sich der Spielverderber in mir wohl breit gemacht hat und wie lange ich noch zu leben habe, erschüttern mich in meinen tiefsten Festen. Noch nie zuvor habe ich dermaßen den Boden unter den Füßen verloren und war so stark mit meiner Sterblichkeit konfrontiert worden.

Und diese harte Nuss muss ich erstmal knacken und verdauen. Wo war denn gleich der altmodische Nussknacker aus dem Erzgebirge....


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