"Ich habe die Haare schön, ich habe die Haare schön..."

Aktualisiert: 23. Okt 2019


Ich war schon feuer-, ketschup-, kupfer-, mahagonierot, schneewittchen-schwarz, brünette, schoko-, moccabraun, oder blond-gesträhnt. Hatte lange glatte oder gewellte Haare, Pagenschnitt, Bob oder Pixie...Was macht es da schon aus, wenn ich bald à la Sinnead O'Connor mit einer Glatze herumlaufen werde? Dachte ich zumindest! Aber als wir bei Perücken Stassi über die Türschwelle treten, kommen mir erste Zweifel.

In Köln gab es am Neumarkt in meiner Jugend einen riesigen Perückenladen. Ich staunte damals über die „arschlangen“ Haare auf den hübschen Büsten und wünschte mir, irgendwann auch mal eine solche Perücke tragen zu dürfen. Eine Echthaar-Perücke mit blonden, taillen-langen Locken. Wenn frau sonst nichts zum Sorgen und Unzufriedensein hat, dann wünscht sie sich einfach konträre körperliche Eigenschaften. In meinem Fall waren das in Teenager-Zeiten besagtes „goldenes Haar“, grüne Augen und richtig viel Holz vor die Hütt'n. Zum Glück war das kein sehnlichster Wunsch! Denn im Grunde war ich eigentlich ganz glücklich in meiner Haut.

Als mir die herzlich kompetente Beraterin des Perückenladens die erste braune Kurzhaar-Perrücke von von hinten auf den Kopf setzt, entgleisten tatsächlich meine Gesichtszüge. Jetzt wird mir schlagartig klar, dass es nicht um eine Verkleidung zu einem lustigen Anlass geht. Es sich nicht um die Erfüllung eines Jugendwunsches handelt. Sondern darum, in den nächsten Monaten meine gewohnte Normalität nach allen Möglichkeiten zu wahren. Meine seelische Kraft und Zuversicht zu erhalten. Meine zwei Mädels nicht zu schocken...und sei es eben mit Hilfe einer Perücke, meine eigene Identität zu behüten.

Jetzt kann man sich fragen, was die Identität groß mit der Länge der Haare zu tun hat? Sehr viel! Das wird mir innerhalb von Millisekunden plötzlich bewusst, als mir mein verändertes Spiegelbild entgegen schaut.

Glänzendes, kräftiges mehr oder weniger langes Haar ist ein Zeichen der Gesundheit und Fruchtbarkeit. Gerade wir Frauen definieren uns sehr über unsere Haare. Das weiß jede Frau, die in einer Krisensituation, Trennung, einem Wendepunkt im Leben steckt und direkt zum Frisör rennt, um „irgendetwas“ mit ihren Haaren zu machen. Manchmal ist eine neue Frisur der erste Veränderungskeimling in einer noch folgenden Persönlichkeits-entwicklung.

Außerdem ist es ein Riesenunterschied, ob ich selbstbestimmt zum Rasierer greife und mir die Last der Haare vom Kopf wegrasiere, um mich freier, rebellischer und individueller zu fühlen. Oder ob mir die Haare aufgrund einer Krankheit oder medikamentösen Behandlung ausfallen. Ein noch deutlicheres Zeichen für eine bestehende Krankheit gibt es kaum, als die „Chemo-Glatze“ bei Frauen. Jetzt ist für alle Welt ersichtlich, dass ich zum "Onko-Club" gehöre. Denn welche Frau rasiert sich freiwillig die Haare ratzeputze weg, wenn sie nicht gerade diese „Provokation“ bewusst sucht? Ja, in unserer Gesellschaft ist eine Frau mit Glatze entweder krank, rebellisch, sehr individuell, ein Skinhead oder eine Künstlerin. Und die wenigsten Frauen können sich eine Glatze nach unseren europäischen Schönheitsstandards „leisten“.

Und ich schon gar nicht...mit meinem platten Hinterkopf und dem sehr markanten Kiefermuskeln. Ich werde wie ein Mann aussehen! Nichts Weibliches wird mir bleiben -auf dem Kopf zumindest! Heiße Tränen brennen mir in den Augen. Aber die sachlichen Erklärungen der Beraterin holen mich auf dem Boden der Tatsachen runter. Ich weiß definitiv, dass ich eine Perücke suche, die nicht einen perfekten runden Hinterkopf und volles Haar hat. Sondern ein Modell, das meiner jetzigen Haarsituation am meisten ähnelt. Also, entscheide ich mich für einen schokobraunen Pixie, der sehr fein und luftig geschnitten ist. Danach kann ich auch andere Modelle spaßeshalber anziehen und über diese verkleidete, für mich unnatürlich wirkende Andrea im Spiegel lachen! Und wer weiß? Vielleicht werde ich mir im Laufe der Chemo und Bestrahlung auch andere Modelle suchen, um mich tatsächlich ein wenig zu verkleiden und spielerisch meinen Alltag zu gestalten. Denn das ist doch das Wichtigste: Wie kann ich den Alltag in dieses emotionale Chaos wieder herein holen? Zum einen über Gewohnheiten und zum anderen mit einem kleinen Augenzwinkern...immerhin habe ich dann Karneval bis in den Sommer hinein!

Was mir zum Ende hin tatsächlich richtig Freude bereitet, ist die Kopftuch- und Mützenberatung. Ich liebe nämlich Mützen und Hüte! Da bin ich wieder in gewohnten Fahrwassern. Zum Glück ist die Chemo im Winter! Da kann ich nach Lust und Laune meine Kopfbedeckungen variieren. Das ist doch mal etwas Vertrautes, was mir Zuversicht und Kraft gibt! Ich bin jetzt also für alle Eventualitäten gerüstet und harre der Dingen, die da noch auf mich zukommen werden.


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