Einmal Krebs und zurück...

Aktualisiert: 23. Okt 2019


Kaum ist er da, ist er auch schon wieder weg...

Innerhalb von zwei Monaten wurde meine Welt zuerst in Sicherheit gewogen, plötzlich auf den Kopf gestellt, um dann im Eiltempo wieder gerade gerückt zu werden. Ich kann gar nicht schnell genug denken, fühlen und handeln, um nicht aus dieser rasanten Achterbahnfahrt herauskatapultiert zu werden. Hier also einmal Brustkrebs und zurück im Zeitraffer:

Ende Oktober ertastete ich einen sich für mich unglaublichen groß anfühlenden Knoten in der linken Brust, der auch noch saumäßig weh tat. Kurzfristig fand ich mich bei meiner Frauenärztin ein, die eine Tastunter-suchung durchführte und mir versicherte, dass es sich wohl um eine Zyste oder einen gutartigen Knoten handele. Sicherheitshalber überwies sie mich dennoch zu einem Radiologen. Vier Tage später stellte ich mich dann in der Radiologie vor. Meine Brüste wurden mit Ultraschall nochmals kontrolliert und ebenfalls ein gutartiges Fibroadenom diagnostiziert. Um ein Restrisiko von 10% auszuschließen sollte einige Tage später unter Lokalbetäubung eine Gewebeprobe, sogenannte Biopsie, entnommen werden. Da ich rein aus dem Bauch heraus ein ungutes Gefühl bei diesem Arzt und dem Gedanken an die „Rumstocherei“ in meiner Brust hatte, sagte ich den Termin ab. Für mich wäre zu diesem Zeitpunkt das Thema gegessen gewesen, da ja zu 90% ein gutartiger Tumor festgestellt wurde. Zum Glück habe ich ein sehr sensibles und aufmerksames Verhältnis zu meinem Körper, so dass ich die anhaltenden Schmerzen in meiner Brust nicht einfach als zyklusbedingtes Brustspannen hin-, sondern sehr ernst nahm.

Ende November war ich also wieder bei meiner Frauenärztin und bestand auf die Entfernung des Knotens innerhalb einer OP unter Vollnarkose. Diese Entscheidung war in meinem Fall genau richtig! Denn eine Biopsie kann im wahrsten Sinne des Wortes daneben gehen und eine tumorfreie Geweberegion erwischen. Und da bei mir ohnehin alle von einem Fibroadenom ausgingen, hätte das für mich der absolute Supergau werden können. Dank meines guten Körpergefühls wurde jedoch rechtzeitig gehandelt.

Am 1. Dezember entfernte man mir ambulant im Krankenhaus den schmerzenden Knoten. Das war weiter nicht spektakulär. Morgens nüchtern im Krankenhaus einfinden, bis Mittags auf die OP warten, um dann nachmittags bereits entlassen zu werden. Der Befund interessierte mich schon fast gar nicht mehr, da es für mich klar war, dass ich nichts zu befürchten hatte. Vier Tage später suchte ich montags morgens meine Frauenärztin zur Wund-kontrolle auf. Sie entließ mich mit den Worten, ich solle mir bloß kein Kopfkino machen und entspannt auf den Befund warten, der nicht vor Freitag eintreffen würde. Meine Welt war von hieran noch genau 24 Stunden in bester Ordnung! Ich konnte mich auf Nikolaus freuen und vorbereiten.

Der 6. Dezember 2016 wird von nun an als der schicksalhafte, schwarze Dienstag in meinem Leben bestehen bleiben. Der Tag an dem sich mein Leben von Grund auf ändern und nie mehr sein würde wie vorher. Der Tag an dem ich mit meiner Sterblichkeit knallhart konfrontiert wurde und meinem bald nahenden Tod vor Augen sah. Dieser Tag und die darauffolgende Nacht schienen ewig anzudauern. Die Stunden zogen in Slow-Motion vorbei und spannten meine Nerven zum Zerreißen an. Ich konnte nicht essen, nicht schlafen, nicht richtig tief durchatmen. Ein tonnenschwerer Stein lastete auf meinem Herzen und Körper. Ich spielte meinen Kinder ein recht erbärmliches Schmierentheater vor und versuchte Ruhe zu bewahren. Da ich noch nichts Genaues wusste und erst am folgenden Tag meine Vorstellung im Krankenhaus anstand, wollte ich nicht in Panik ausbrechen und die Kleinen unnötig verunsichern. Ich glaubte noch an eine Verwechslung, vertauschte Proben, ein Wunder, ...ich konnte mich weder mental, noch emotional an irgendetwas Konkretem festhalten, da ich außer des Schnellbefundes „sehr aggressiver, bösartiger Tumor von 3 cm Größe“ keine weiteren Details von meiner Frauenärztin erfahren hatte. Ich war im freien Fall in eine beängstigend dunkle und kalte Tiefe, die nicht enden wollte.

Der erschreckende und betäubende Aufschlag auf dem Boden der Realität folgte mit dem Aufklärungsgespräch am nächsten Tag im Krankenhaus. Meine Gynäkologin, die meine erste Brust-OP durchgeführt hatte, informierte mich über die Details und das kommende Prozedere: Hormonresistenter, schnell wachsender und sehr aggressiver Tumor. Planung einer weiteren OP für den 12.12.2016, um das Restgewebe in der Tumorgegend sowie den Wächterknoten in der Achselhöhle zu entfernen. Sowie Chemo und Bestrahlung danach. Vorher sollte ich noch im CT abklären lassen, ob der Tumor schon in weitere Organe gestreut hatte.

Der Gang zur Radiologie im Nebengebäude fühlte sich an wie der Gang zur Schlachtbank. Ich armes Lämmlein würde mit dem Befund aus der CT erfahren, wie weit der Brustkrebs fortgeschritten war und wie es um meine Heilungs- und Überlebenschancen aussah.

Im Nachhinein war dies der schlimmste Moment meiner bisherigen Brustkrebs-Biographie. Die Aufnahme im CT war absolut schmerzfrei und überhaupt nicht beklemmend. Trotzdem konnte ich meinen Körper nicht kontrollieren und meine zitternden Beine beruhigen. „Nein, es ist nicht die Beklemmungsangst!“, versicherte ich den Assistentinnen. Es ist der blanke Horror vor dem darauf folgenden Gespräch mit der Radiologin, dachte ich bei mir. Obwohl wir nur 10 Minuten warten mussten, kam mir die Zeit vor wie einmal von der Erde zum Mond fliegen und zurück. In meinem Kopf spielten sich alle möglichen Endzeit-Szenarien ab. Metastasen in Lunge und Leber. Keine Heilungschancen. Nur noch der Kampf um das nackte Überleben. Weinende Kinder. Verzweifelter Ehemann. Untröstliche Mutter und Bruder.

Als wir endlich aufgerufen wurden, torkelte ich halbblind vor Panik zur Tür, in der mich die Radiologin bereits mit den Worten empfing: „Es ist alles gut! Oh Gott, Sie kippen mir hier ja gleich um! Es ist alles frei!“ Schluchzend fiel ich der sympathischen, noch sehr jungen Ärztin um den Hals und dankte ihr von Herzen. Auch dieser Moment hat sich in mein Körpergedächtnis eingebrannt. Die unglaubliche Erleichterung und das befreiende Gefühl, dem vermeintlichen Tod gerade nochmal von der Schippe gesprungen zu sein.

Alles was in den Tagen und Wochen danach folgen sollte, konnte ich mit meiner neugewonnenen Zuversicht ohne Murren über mich ergehen lassen. Die Schmerzen nach der zweiten OP in der linken Achselhöhle und dem gesamten Arm, das Warten auf den Befund meiner Wächterlymphknoten, die glücklicherweise ebenfalls tumorfrei waren, meine hässlichen Narben sowie die eingedellte Brust, meine weitere OP zum Legen eines Ports sowie die damit wieder einhergehenden höllischen Schmerzen -diesmal in der rechten Achselhöhle und die unglaublich wulstige, metzgermäßig zusammengenähte Narbe.

Ich bin also wieder krebsfrei! Kaum zu glauben...so schnell wie der Krebs da war -denn es war ja einer von der sehr aggressiven, schnellwachsenden und von mir früh entdeckten Sorte- war er auch wieder weg. Ich bin wieder krebsfrei! Zumindest von der operativen und diagnostisch möglichen Seite. Ob in meinem Körper noch Mikrometastasen verstreut wurden, kann niemand nachweisen oder ausschließen. Deshalb wird mir eine prophylaktische Chemo und Bestrahlung nicht erspart bleiben. Ich bin wieder krebsfrei! Das kann ich mir nicht oft genug als beruhigendes Mantra vorsprechen. Denn die Zeit zum Begreifen, Verarbeiten und Nachfühlen hatte und habe ich nicht. Es ging alles einfach zu schnell und mit zwei Kindern, die ein Recht auf Normalität und Zuwendung haben, bleibt kaum Raum zum Durchatmen.

Vielleicht ist das aber auch mein großer Vorteil. Ich habe alles wie im Zeitraffer erlebt und bin zum Glück nicht in eine tiefe Verzweiflung versackt. Ich hoffe, dass meine Zuversicht und Kraft mich weiter durch die kommenden 6 Therapiemonate tragen werden. Ich mache mich schon mal auf eine wilde Achterbahnfahrt gefasst!


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© 2016-2019 by Andrea Winkler Coaching

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