Mut zum offenen Umgang mit der Krebsdiagnose

Aktualisiert: 23. Okt 2019


Ich bin sehr gut damit gefahren, offen und direkt mit der Diagnose umzugehen. Deshalb schreibe ich auch diesen Blog. Zum einen hilft mir das Schreiben beim Verarbeiten der teilweise surrealen Erfahrungen, die ich in letzter Zeit gemacht habe. Zum anderen kann ich meine Leser/innen über mein aktuelles Befinden informieren. Und natürlich wünsche ich mir, dass andere von Brustkrebs betroffene Frauen das ein oder andere hier für sich finden und gut verwenden können.

Ich habe den Nächsten in meinem Umfeld persönlich sowie den Entfernteren über Telefon, Email oder SMS informiert. Es haben sich diejenigen gemeldet, die nach der Schocksekunde einen normalen Umgang mit dem Thema Brustkrebs gefunden haben. Sie wollen in irgendeiner Form Anteil nehmen, mich unterstützen oder mit mir in Kontakt kommen und bleiben. Ich habe keine Reaktion (auch wenn diese eben im Nicht-Reagieren bestand) gewertet, sondern mich einfach über geäußerte „Zeichen“ gefreut. Bisher war auch niemand unsensibel, abweisend oder „überbemitleidend“.

Wahrscheinlich macht es die Sache einfacher, dass ich selber nach Normalität strebe und mich nicht als Opfer betrachte. Ich formuliere klar, was ich will und brauche oder grenze mich entschieden ab. z.B. möchte ich nicht, dass in meiner Gegenwart die Chemo als Gift bezeichnet wird, was mir schadet. Für mich ist es ein „Cocktail“, der evtl. noch vorhandene Mini-Tumorzellen abtötet. Auch mag ich nicht von Kampf sprechen. Denn mein „Gegner“ wurde ja bereits entfernt. Es ist eher so, dass ich durch eine schwere und unangenehme Zeit durch muss, damit ich nach medizinischen Gesichtspunkten alles getan habe, um das Rückfall-Risiko zu minimieren.

Ich habe einen sehr sensiblen Sensor mit welchen Personen ich worüber reden, mich ablenken, motivieren sowie trösten lassen und wer mich mit direkter Tatkraft unterstützen kann. Die meiste Zeit bin ich ohnehin alleine. Denn vormittags sind alle arbeiten und selbst die Kids erst nach dem Mittagessen wieder daheim. Diese Momente genieße ich sehr! Ich kann dann den Tag in meinem Tempo beginnen und nur Dinge tun, zu denen ich Kraft und Lust habe. Es ist meine „Quality Time“, in der ich meinen eigenen Bedürfnissen nachgehe und auf niemanden Rücksicht nehmen muss.

Selbst meine Zeit mit den Kindern hat sich verändert. Wenn sie dann da sind , möchte ich ganz bewusst mit ihnen leben - im Jetzt. Ohne Gedanken daran, wie es früher war und wie es in der Zukunft wird. Das kostet zu viel Energie und weckt Unzufriedenheit oder Ängste. Auch meine Mädels wissen, ihrem Alter entsprechend, dass die Mama krank ist. Der Großen habe ich kindgerecht erzählt, dass ich Krebs habe und Medizin bekomme, von der es mir erstmal schlecht geht. Und der Kleinen zeige ich immer wieder meine Port-Narbe, wenn es mir schlecht geht und sage, „Mama hat „Aua“. Sie fragt auch schon jeden Tag von sich aus, ob das „Aua“ weg ist. Und ich antworte je nach Befinden, dass es heute gut ist oder eben nicht. Ich bin zum Glück mit sehr empathischen Mädels gesegnet, die es meistens akzeptieren, wenn ich dann mal nicht Spielen kann oder will, weil ich mich erholen muss.

Meine zwei einzigen Aufgaben für die kommende Zeit sind: Erstmal an mich denken und genesen. Und zweitens für meine Kids mit dem was gerade geht und möglich ist, da sein. Und alle anderen in der Familie müssen sich um ihr eigenes Wohl kümmern. Für sich Wege finden, mit der Situation umzugehen. Sich die nötige Unterstützung bei Freunden, Bekannten oder Fachleuten holen. Natürlich versuche ich in der guten Phase auch für sie da zu sein; bzw. lasse sie immer wieder wissen, wie sehr ich ihren Einsatz und Dasein schätze. Aber ich kann nicht mehr wirklich belastet werden.

Ich bin noch sensibler geworden und Aufregung schlägt mir auf mein Gemüt und direkt auf mein körperliches Wohlbefinden. Ich kann im Fernsehen nur noch ruhige Reportagen, lustige, fantasiereiche oder leichte Filme sehen, unterhaltsame Hörspiele hören oder einfache Bücher lesen. Meine Aufmerksamkeitsspanne ist stark minimiert, meine Wahrnehmungssinne leicht überreizt und ich schnell emotional überfordert. Alles was unangenehm ist, mich runter zieht oder zu viel Zeit kostet, vermeide ich. Daher habe ich mein Facebook-Konto deaktiviert, schaue und höre keine aktuellen Nachrichten und reagiere auf Emails oder SMS nur, wenn es nicht zu anstrengend oder kompliziert ist. Ich schaffe mir meine eigene „heile Welt“, in der nur das Einlass findet, was mir gut tut und in der es sich leichter genesen lässt.

Das bedeutet nicht, dass ich Dinge verdränge -wie z.B. den letzten Befund, der besagt, dass der Tumor „triple-negativ“ war und es dann „nur“ die Chemo und Bestrahlung dagegen gibt. Oder die Tatsache, dass ich wieder einen geschwollenen Lymphknoten in der linken Achsel habe und mich gerade ein Erkältung plagt. Aber ich wäge sehr genau ab, was mich in Panik versetzen oder beunruhigen darf und was erst mal einfach so ist. Denn Angst und Sorge sind schlechte Gespielinnen während der Therapiezeit.

Mein körperliches Wohlbefinden unterstütze ich durch bewusste und gesunde Ernährung, gelegentlich Spazierengehen und Pilates. Meine Seele wird in der Tanztherapie geheilt und für meine Ängste und Sorgen gehe ich weiterhin zu meiner Psychotherapeutin.

So fühle ich mich gewappnet, dass kommende halbe Jahr zu meistern. Und jeder gut überstandene Zyklus wird gefeiert oder zumindest mit etwas Schönem belohnt. Das habe ich mir vorgenommen! Denn meine Zeit ist JETZT und jetzt will ich es schön haben! Nicht morgen, im Jahresurlaub oder irgendwann zur Rente...


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© 2016-2019 by Andrea Winkler Coaching

Leubsdorf am Rhein/

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