Unvergleichbar und haarlos schön- Nothing compares to me

Aktualisiert: 23. Okt 2019


So. Jetzt ist es weg. Mein Haar. Gut 1 mm ist noch da, aber auch das fällt mit und mit aus und ist schon sehr nah an der Glatze. Ich könnte auch mein vier Jahre jüngerer Bruder sein - von der Kopfform, über die Stirne, zu den Augen und der Nase. Der läuft gerne mit geschorenem Kopf herum. Das einzige, was noch weiblich an mir aussieht, sind meine Lippen und die Kinnpartie. Ok, meine Augen sind etwas geschwungener und weiblicher als die meines Bruders.

Ich bin froh, dass ich nach der Diagnose meine Haare in Etappen kürzer geschnitten habe. So fiel mir das kahl rasieren gar nicht schwer. Ich habe dafür den Bartschneider meines Mannes benutzt und einfach drauf los geschoren. Ich empfand es viel schlimmer, meine ausfallenden Haare vom Kopfkissen zu klauben oder beim Haare waschen an den Händen kleben zu haben. Denn es ist bisher nicht auf einen Schlag ausgefallen, sondern rieselte über die letzten 5 Tage immer stärker. Und den Anblick von vielen, kleinen kahlen Stellen in meiner Frisur wollte ich mir und meinen Lieben ersparen.

Wenn keine Haare mehr von dem Gesicht ablenken, sieht man alles wie in einer Detailaufnahme: Meine Augen wirken riesig und stehen etwas enger zusammen -Silberblick nennt man das wohl. Mittlerweile habe ich dunkle Augenringe bekommen und sehe dadurch ziemlich fertig aus. Die Augenbrauen geben meinem Gesicht einen markanten Rahmen. Meine Nase steht prominent hervor. Um meine Lippen liegt ein leicht schiefer und verletzlicher Zug. Und zum ersten Mal ist mir eine Falte unterhalb der Lippe aufgefallen, die wie ein kleiner Schnitt aussieht. Mein Kinn ist weich und zart. Gesichts- und Kopfform sind jetzt wirklich erkennbar. So schlimm empfinde ich meinen platten Hinterkopf gar nicht. Und insgesamt habe ich ein längliches Gesicht, mit leicht eingefallenen Wangen (kommt wohl von der Chemo), in dem der Kiefer nicht so hervor sticht wie befürchtet.

Ich fühle mich nicht mehr hübsch wie bisher, sondern schön- irgendwie. Also nicht nach gängigem Schönheitsideal. Jedoch empfinde ich das Pure an mir als schön. Mir ist bisher noch nie bewusst geworden, dass mein Haar mich beschützt (selbst kurze Haare vermögen den Kopf richtig warm zu halten) und tarnt. Je nach Laune konnte ich meine Haare bisher stylen und mich je nach Anlass süß, tough, weiblich, jugendlich, wild, streng, reif oder elegant präsentieren. Jetzt bin ICH unkaschiert da mit meinen Ecken, Kanten und Zeichnungen, die das Leben auf der Leinwand meiner Mimik gemalt hat. Ich entdecke immer wieder neue Details, die mir bisher nicht aufgefallen sind. Und jedes Einzelne heiße ich Willkommen und finde es schön.

Ich habe nicht als erstes meine Perücke getragen, sondern meine Mützen-Kollektion genutzt. Meine Premiere hatte ich vor 2 Tagen als ich in Bonn zur Therapie und anschließend in ein Lokal ging. Der Kellner, der mich noch eben am Eingang offen und freundlich begrüßte, schaute mich etwas irritiert an, als ich drinnen mit „Indoor-“ und nicht mehr mit Wollmütze saß. Auch schaute er mir gar nicht mehr direkt ins Gesicht. Zumindest fühlte es sich so für mich an. Ob es wirklich so war, kann ich nicht beurteilen.

Ich weiß, dass ich noch viel öfter zur Mütze greifen werde. Ich liebe Mützen sowie Hüte und nutze sie gerne als modisches Accessoire. Deshalb fühlt es sich für mich auch stimmiger und echter an, diese in unzähligen Variationen anstatt der Perücke zu tragen. Auch wenn letztere meinem Kurzhaarschnitt von zuvor recht ähnlich sieht, fühle ich mich verkleidet. Ich habe auch mehr Angst, dass sie verrutschen könnte als bei der Mütze. Irgendwie tarnt die Mütze mich zwar. Lässt jedoch noch genügend Konturen erkennen, um eine Glatze oder zumindest sehr kurzes Haar darunter vermuten oder erahnen zu können. Es ist also eine Tarnung, aber eine ehrliche in meinen Augen. Und das möchte ich bleiben. Nach Möglichkeiten so viel wie möglich ICH. Denn ich bin auch ohne Haare unvergleichbar schön!


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