Gipfelstürmen und Bergfest

Aktualisiert: 23. Okt 2019


Jodelihuiti...es ist geschafft! Ich stehe oben auf dem Gipfel meines persönlichen Mount Everest! Was für eine Leistung! Ich habe seit dem 4. Mai 2017 genauso viele Chemos hinter mich gebracht wie noch vor mir liegen. Genau 8 Stück! Zeit für eine Verschnaufpause und der richtige Moment, um auf meine zurückgelegten Bergetappen zu schauen.

Rückblickend sind die 4 Pink Martinis die härtesten Angriffe auf mein Wohlbefinden gewesen. Da ging es mir kotzübel! Die neue Medikation greift zwar meine Gesundheit, bzw. mein Immunsystem mehr an. Aber mein Wohlbefinden und Energielevel haben sich merklich verbessert.

Trotzdem spiele ich jeden Tag auf's Neue Glücksroulette: Heute noch fit und lustig, kann ich am nächsten morgen kraftlos und kränkelig aufwachen. Wahrscheinlich gebe ich in den Momenten, in denen es mir gut geht, einfach so viel Gas, dass die darauffolgenden Tage erst einmal Katerstimmung angesagt ist. Gut, das nehme ich gerne in Kauf. Wer weiß, wie es mir in Zukunft gehen wird? Daher nutze ich jeden Tag, so gut es mir eben körperlich möglich ist.

Ich habe zu meiner Chemophase ein sehr ambivalentes und paradoxes Verhältnis gefunden. Es ist Fluch und Segen zugleich! Immerhin gibt es bei einem Triple Negativen Mammakarzinom nur diese eine Behandlungsform von aggressiver Chemo und anschließender Bestrahlung. Da mein Tumor zuvor vollständig entfernt wurde und man die Wirkung nicht nachweisen kann, bleibt zu hoffen, dass diese Tortur einen möglichen Rückfall verhindern wird.

Diese Zeit, die ich mir so sehr vorbei wünsche, wird also die Sicherste meines zukünftigen Lebens gewesen sein! Nie wieder werde ich die gleiche Hoffnung und Zuversicht in eine Krebsbehandlung stecken können. Und nie wieder werde ich mir sagen können „Jetzt mache ich alles, was möglich ist, um zu heilen!“ Obwohl die Chemo und die darauf folgende Bestrahlung meinem Körper sehr zusetzen, werde ich mich psychisch nie wieder so gut aufgehoben und sicher fühlen wie aktuell. Wobei es sich auch hier nur um eine vermeintliche, Pseudo-Sicherheit, handelt. Denn der bekanntliche Blumentopf kann mir trotzdem noch jeden Tag auf dem Kopf fallen!

Innerhalb dieser 8 Monate wird meinem Körper das Härteste abverlangt. Um nicht unnötig Kraft zu verbrauchen, schenke ich meinen Ängsten gerade mal das Nötigste an Beachtung. Ich halte mich psychisch und emotional auf einem optimistischen Level und gönne meinem Körper so viel Nachsicht und Liebe wie nie zuvor.

Ich lebe irgendwie isoliert in meiner „Chemoblase“, in der ich eine gewisse Form von Freiheit genieße. Ich lebe absolut im JETZT! Und alles andere kann ich mir mit gutem Gewissen ganz weit vom Hals schaffen. Dieses Freiheitsgefühl möchte ich so lange wie möglich erhalten und spüren. Es ist eine Erfahrung, die ich in dieser Intensität bisher nicht erlebt habe. Im echten Leben nie eine Bergsteigerin gewesen, erlebe ich meinen bisher großartigsten Panoroma-Ausblick vom Gipfel aus. Das Tal der Tränen habe ich hinter mir gelassen. Ich erfahre die Großartigkeit des Seins aus dieser neuen Perspektive und halte mich so gut es eben geht vom kräftezehrenden Alltagsgeschehen fern. Nur was mir gut tut oder wirklich unumgänglich ist, lasse ich in meine Chemoblase ein.

Zum Glück und leider wird es von nun an mit jeder weiteren Chemo bergab ins Tal gehen. Bis ich die letzte Etappe hinter mich gebracht haben und vor dem vorläufigen Ende stehen werde. Dem Ende einer Bergwanderung, mit unerwarteten Aus- und Einblicken in den Sinn des Lebens. Meinem Sinn des Lebens!

Was wird DANACH kommen? Wie wird es - im Tal zurück gekehrt - sein? Diese Frage beschäftigt mich auf dem Gipfel stehend, die Weite und Tiefe der Welt und des Seins erfahrend nur einen kurzen Augenblick. Das tiefe Tal liegt unter einer dicken Wolkenschicht verborgen und berührt mich noch nicht. Aber mit jedem Schritt bergab werde ich mich mit dem Ende dieser abenteuerlichen Wanderungen mehr beschäftigen.

Es wird mich mein „altes“ Leben, mit einer völlig anderen Wertigkeit erwarten. Beängstigend? Inspirierend? Wie lang und gesund wird es sein? Wie werde ich es fühlen und füllen? Wie viel werde ich davon loslassen dürfen und müssen, um es zukünftig gut weiterführen zu können? Inwieweit werde ich meine neuen Erkenntnisse, Wahrheiten und Gefühle darin integrieren? Wie viel von dem erleben, was ich mir für mich und meinen Lieben wünsche?


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© 2016-2019 by Andrea Winkler Coaching

Leubsdorf am Rhein/

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