Erste-Hilfe bei Zipperlein, Beschwerden und großem Herzschmerz

Aktualisiert: 23. Okt 2019


Dass die Chemo kein Sonntagspaziergang werden würde, war mir schon klar. Und natürlich habe ich mich vorher schon schlau gemacht, was da so alles auf mich zukommen kann. Bisher ist es noch erträglich und hält sich im Rahmen. Vielleicht auch deswegen, weil ich mich auf das Allerschlimmste vorbereitet habe?! Na gut, ich bin ja auch nicht durch. Habe noch 5 von 16 Zyklen vor mir, so dass ich lieber ein bisschen Bodenhaftung behalten sollte.

Zeit für ein Status Quo der Befindlichkeit:

Die Sache mit den Haaren. Es ist immer noch ein kurzer Schreckmoment, wenn ich mich glatzköpfig im Spiegel sehe. Ich habe schon alienartige Züge bekommen durch den Mangel an Gesichtsbehaarung. So richtig gewöhne ich mich nicht an meinen Anblick. Ich sehe mir einfach nicht mehr ähnlich! Aber ich kann mich mit Haarteil und Mütze oder Perücke so aufhübschen, dass ich gut und unbefangen damit leben kann. Schwieriger ist es mit meinen fehlenden Frida-Kahlo-Augenbrauen. Ich sehe gerupft und kränklich aus. Um mich mit guten Gefühl aus dem Haus zu trauen, brauche ich eine gute Stunde Schmink- und Aufhübschungszeit. Gerade das Augenbrauen nachziehen, bzw. imitieren, fällt mir richtig schwer. Es ist einfach nicht möglich, nur mit Schminke volle Brauen vorzutäuschen. Ich überlege gerade, ob ich mir ein "Brauentoupee" bei einer Kosmetikerin ankleben lasse. Hält zwar nur 1-2 Wochen. Aber ich würde es danach in Eigenregie weiter versuchen. Worüber ich mich jedoch sehr gefreut habe, ist das Ausfallen meiner Bein-, Arm-, Achsel-, Nasen- und Schamhaare. Hier spare ich gehörig viel Zeit zum Rasieren diesen Sommer. Muss ja auch etwas Positives haben das Ganze.

Apropos kränklich aussehen! Das hängt natürlich auch an meiner fahlen und blassen Haut. Hier wirken ein paar Griffe ins Kosmetikköfferchen und ein paar Kniffe in die Wagen wahre Wunder und schon blüht die Andrea auf. Das tägliche warme Duschen lasse ich mir als meinen persönlichen Wohlfühl-Luxus nicht nehmen. Dafür muss ich es in Kauf nehmen, danach meiner Haut einige Extrastreicheleinheiten mit Feuchtigkeitslotion zu gönnen. Denn sie ist sehr trocken und empfindlich geworden. Auch zwischendurch spannt sie gerne mal und dann creme ich mit Öl oder Lotion nach. Das Haus verlasse ich bei jeder Wetterlage nicht ohne Sonnenschutz für das Gesicht. Je nach Sonnenintensität LSF 20-50.

Was mein Gewicht angeht, habe ich bisher ziemlich konstant mein Wohlfühlgewicht von 66-67 Kilo halten können. Trotz Cortison, dass mir zum Glück nur am Tag der Chemo und 1-2 Tage danach ein unschön aufgedunsenes Gesicht beschert. Auch macht meine Mund- und Magenschleimhaut super mit, so dass ich bisher alles essen kann, worauf ich Lust habe. Und davon habe ich eine Menge. So viel Appetit!!! Sobald ich bei der Chemo meinen Cortisonbeutel angelegt bekomme, fange ich an zu mampfen. Ich muss sagen, das ständige Kauen, hält Übelkeit gut weg. So hatte ich es in der Schwangerschaft auch gut überstanden. Nur drei Mal hatte ich sehr schmerzhafte und große Aphten im Mund und musste kurzzeitig auf weiche Nahrung umsteigen und stark säurehaltiges Obst und Gemüse vermeiden. Für diesen Fall habe ich Euch einige Nothelferchen in meinen Links aufgelistet. Ansonsten schwöre ich auf penible Mundhygiene, pflanzliche Mundspülungen und Ölkauen.

Passend zum Thema Essen ist auch das Thema Verdauung. Aufgrund mangelnder Schleimhäute im gesamten Körper wird die Darmtätigkeit auch problematisch und durch die ständige Gabe von Cortison kommt es gerne zu Verstopfungen. Regelrecht schmerzhaft kann es dann beim Stuhlgang werden. Hier helfen Sitzbäder sowie Massagen und andere Hausmittel. Hinten bei den Links findet ihr noch Tipps hierzu.

Wirklich fertig macht mich bisher meine Erschöpfung, Kraft- und Energielosigkeit. Das sogenannte „Fatigue“- Syndrom, das mich permanent begleitet -mal penetranter, mal moderater! Besonders während der ersten 4 Zyklen mit Epirubicin und Cyclophosphamid ging es mir sehr schlecht. Von Schwangerschaftsübelkeit (ohne Erbrechen), Muskel- und Knochenschmerzen, Benommenheit und Schwindel war alles dabei, was man von einer schweren Grippe kennt. Glücklicherweise im Peak nur 3-5 Tage und nicht ständig.

Während der letzten wöchentlich verabreichten Zyklen mit Taxol und Carboplatin ging es mir am Tag selber und auch danach erstaunlich gut. Ich konnte sogar wieder etwas Sport in Form von Inlineskaten machen. Nur die Blutwerte sinken mit jeder Chemo weiter ab. Das spiegelt sich in meiner erhöhten Infektanfälligkeit. Ich habe dauernd Schnupfen und Halsweh. Zwischendurch sogar eine Bronchitis, die ich mit Antibiotika behandeln musste. Aktuell ist es Schwindel, Schlappheit und Durchfall. Deshalb muss ich schon zum zweiten Mal aussetzen und die Chemo hinten dran hängen. Das frustet ungemein! Ich will endlich fertig werden! Wie pervers, dass ich schon um meine Chemokeule betteln muss. Aber wenn die Leukos nicht mitmachen, dann darf ich nicht. Hoffentlich bleibt mir eine Bluttransfusion oder blutbildende Mittelchen erspart.

Die Sache mit der Lust...tja, da muss ich ehrlich zugeben, ist wirklich nix von übrig geblieben. Bis auf einige, wenige Streicheleinheiten kann ich auf Sex derzeit sehr gut verzichten. Nicht dass wir es überhaupt probiert hätten und ich aufgrund von Schmerzen lieber entsage. Ne, ich habe einfach keine Gelüste in dieser Hinsicht. Ich bin so müde dauernd. Und dass bisschen Energie, was mir dann und wann zur Verfügung steht, nutze ich meistens für meine Kids. Ja, mein armer Mann kommt derzeit nicht wirklich auf seine Kosten. Aber auch er verbraucht seine gesamte Energie, um sein Arbeitspensum zu schaffen sowie alles aufzufangen, was ich sonst geleistet habe.

Manchmal funktionieren wir nur noch für den Alltag und die Kids und verlieren den Kontakt zueinander. Das macht mich wirklich traurig! Ich vermisse dann Zärtlichkeit, liebevolle Worte und fühle mich sehr einsam. Dieser Herzschmerz als "Nebenwirkung" der Chemozeit macht mir sogar am meisten zu schaffen. Die Liebe in unserer Beziehung leidet, mein Herz und damit ich insgesamt! Ich kann meinen Mann nur ein stück weit seelisch unterstützen, weil ich so viel mit mir selber beschäftigt bin. Und er ist schon länger dermaßen überfordert, dass ich emotional kaum an ihn heran komme. Alles gute Zureden, sich auch Unterstützung zu suchen und selber gut zu sich zu sein, kommen leider nicht an. Ich bin schon froh, wenn wir uns nicht streiten und den Kindern gerecht werden können. Mehr im Moment zu erwarten, wäre anmaßend und absolut unrealistisch. Ich muss einfach bei mir und meiner Heilung bleiben und meinen Mann machen lassen, wie er es kann und will. Diese Verantwortung möchte ich mir nicht noch zusätzlich aufbürden.

Und hier decke ich eine "Nebenwirkung" der Chemo auf, die mit keiner Medikation gemildert werden kann. Unser betroffenes Umfeld leidet mit! Wir leben eben nicht im luftleeren Raum, sondern sind eingebunden im Netzwerk Familie, Freunde, Kollegen, Nachbarschaft, etc. Und sobald ein Teil des Systems ausfällt, müssen die anderen sich bewegen. Das klappt leider nicht immer reibungslos und manchmal sogar gar nicht! Hier wünschte ich mir mehr Aufklärung und Angebote für die "Mitleidenden". Und zwar in einer Form, die es ihnen leicht macht, diese überhaupt wahrzunehmen. Außerdem auch mehr Verständnis für sie am Arbeitsplatz und die Bereitschaft, mit ihnen Lösungen zu finden, um sie zu entlasten. Ich habe euch hinten bei den Links einen Ratgeber für die Partner von Brustkrebs betroffenen Frauen angehängt.

Ich werde berichten, ob ich noch weitere Zwangspausen zu verbuchen habe oder ob ich die letzten fünf Chemos endlich durchziehen kann.

- Ende Part II -


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© 2016-2019 by Andrea Winkler Coaching

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