Rückkehr ins "alte" Leben! Gesund, möglich und sinnvoll?

Aktualisiert: 23. Okt 2019


Zwischendurch rede ich immer wieder mit betroffenen Frauen und bin teilweise erstaunt, wie diese mit ihrer Krebsdiagnose und dem weiteren Behandlungsverlauf umgehen. Gerade die Frauen, die es kaum erwarten können, in ihr altes Leben zurück zu kehren, bzw. während der Behandlung tapfer wie bisher ihren Verantwortungen nachgehen, haben mich zum Grübeln gebracht.

Muss sich jede Frau zwangsläufig verändern und in ihrem Leben mal „aufräumen“, um zu heilen? Ist es sinnvoller, sich nicht allzu viele Gedanken zu machen und möglichst viel alte Routine bei zu behalten? Wie viel Raum möchte oder soll ich dem Krebs in meinem Leben geben?

Eigentlich lebe ich gerade so überhaupt nicht wie früher. Und ich habe für mich entschieden, dass ich es auch zukünftig nicht mehr möchte. Klar, wäre ich froh, wenn ich mal wieder 1 Stunde durch tanzen oder mit den Kids Trampolin springen könnte, ohne gleich einen Herzinfarkt zu riskieren. Dank niedriger Leuko- und Hb-Werte bin ich Sekunden nach der leichtesten Belastung schon am Limit.

Aber im Allgemeinen weine ich den vielen Verantwortungen, die ich bisher abgeben konnte, keine Träne hinterher. Das macht doch stutzig! Wie viel in meinem Leben entsprach vor der Krebsdiagnose meinem innersten Willen sowie Bedürfnissen und was davon war fremdbestimmt?

Mit dem herbei gesehnten Umzug von Köln „auf's Land“ vor knapp einem Jahr habe ich bereits den ersten Spatenstich in Richtung Aufbau eines selbstbestimmten Lebens getan. Meine persönliche Transformation hatte also bereits vor der Krebserkrankung begonnen. Aber der Mensch ist ein Gewohnheitstier! Kaum im eigenen Haus angekommen, habe ich schon einige der stressigen Strukturen aus Kölner Zeiten übernommen bis mir im Dezember der blöde Krebs einen Strich durch die Rechnung machte. Zum Glück?! Ich weiß, dass das zynisch oder krank klingen mag. Dennoch ist es meine Überzeugung, dass Krisen und Krankheiten im Leben eines Menschen einen Sinn haben, den es zu ergründen gilt. Als Tanztherapeutin ist mir schon seit längerem bewusst, dass Psyche, Körper und Verstand nicht getrennt betrachtet werden können. Und dass körperliche Beschwerden, häufig Symptome einer kranken Seele sind.

Bedeutet das etwa, dass alle erkrankten Menschen das „Rad ihres Lebens“ neu erfinden müssen, um völlig zu genesen, bzw. nicht immer wieder auf's Neue zu erkranken?

Es wäre vermessen, wenn ich mich so aufspielen würde, als wüsste ich die Antwort oder die Lösung. Klar ist, dass ein uneingeschränktes JA den nötigen Respekt für die bisher gelebten, zum Teil sehr guten, Leben nicht wahren und diese insgesamt in Frage stellen würde. Ein uneingeschränktes Nein ebenso, weil manchmal nur ein kompletter Neuanfang aus einer verfahrenen Lebenskrise helfen kann. Also JAIN...

Es ist wichtig, mit offenen Sinnen und Achtsamkeit durch das Leben zu gehen und alte Strukturen immer wieder zu hinterfragen. Denn manchmal reicht schon das Justieren kleiner Stellrädchen und manchmal muss es eben doch das komplette Lebensrad sein.

Wirklich schade wäre es, wenn von Krebs Betroffene mit Abschluss der nötigen Behandlungen ohne weiteres Nachdenken und Hinterfragen ins „alte Leben“ zurückkehren wollen. Was an sich schon gar nicht mehr möglich ist, weil (sichtbare) Narben, Nebenwirkungen oder jahrelange Medikation bei manchen bestehen bleiben. Es ist somit für alle Betroffenen ein mehr oder weniger umfangreicher Neuanfang und eine große Herausforderung:

Das Leben mit dem Damoklesschwert Krebs zu leben!

Gleichzeitig ist es eine Chance, sich bewusst gegen eingefahrene Muster zu entscheiden, liebevoller mit sich selber umzugehen und intensiver im Jetzt zu leben.

Für mich ist klar geworden, dass ich früher zu viel Verantwortung für zu viele Menschen und Dinge in meinem Leben getragen habe. Privat werde ich darauf achten, diese in Teilen weiterhin zu delegieren und beruflich bedeutet es, erstmal kleine Brötchen zu backen und z.B. erstmal in Teilzeit zu jobben -was sich gerade so findet oder anbietet. Alles ohne Druck!

Was sich bei mir in den letzten Monaten ebenfalls geändert hat, ist mein Verhältnis zu meinem inneren Kind. Dieses trauert und zweifelt nicht mehr. Sondern ist wieder vital, fröhlich und hilft gerade meinem krankem Erwachsenen-ICH mit viel positiver Energie und Zuversicht, die schwere Zeit zu überstehen. So lieben wir uns, passen aufeinander auf und gehen Hand in Hand!

In diesem Sinne wünsche ich allen Leidensgenossinnen, für sich selber herauszufinden, wie viel Rückkehr und wie viel Neuanfang es für ein gutes, bewusstes und erfülltes Leben in Zukunft bedarf!


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© 2016-2019 by Andrea Winkler Coaching

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