Bin ich authentisch?!!

Aktualisiert: 23. Okt 2019


"Die sieht aber reichlich aufgedonnert aus!", "Das ist doch alles Fake!", "Die Brüste sind bestimmt nicht echt!", "Die trägt doch eh nur Extension und hat deshalb so volles Haar!" ....

Nein, diese Sätze habe nicht ich in letzter Zeit auf meine eigene Person bezogen hören müssen. Das waren bis vor der Diagnose Krebs gerne mal meine eigenen Gedanken, wenn ich Frauen begegnete, die umgangssprachlich wie "Püppis" oder "Tussis" aufgemacht waren.

Ist so ein Frauending, dass wir uns gerne untereinander genauer ins Visier nehmen und dann direkt ein Urteil bilden -was bei mir im Falle von übertrieben aufgebrezelten Frauen nicht besonders freundlich ausfallen konnte.

Im nachhinein schäme ich mich für diese gedanklichen Abwertungen. Aber damals bedeutete für mich Authentizität vor allem Natürlich-Sein. Sich nicht unter einer (Make-Up) Maske verstecken. Wer sich übertrieben viel um sein Äußeres kümmerte, war in meinen Augen ziemlich oberflächlich.

Tja, und was mache ich zur Zeit als "Chemo-Opfer"?! Ohne kosmetisches Aufpimpen sowie Stylen mit Hüten, Perücken und schönen Kleidern, das gut und gerne mal bis zu einer Stunde dauern kann, gehe ich fast nicht mehr aus dem Haus. Wenn ich meinem früheren Natürlichkeitstrend treu bliebe, würde ich stattdessen alle mit meinem alienartigen Antlitz erschrecken.

Also, wer bin ich aktuell? Darf ich mich noch als authentisch bezeichnen? Und ist das überhaupt so wichtig?

Da ich seit der Chemo gerne mit meinen Perücken und Looks experimentiere, höre ich hin und wieder Aussagen wie: "Das bist jetzt aber nicht Du!" oder "Jetzt siehst du wieder aus wie früher...!". Offenere Personen würdigen meine wechselnden "Gesichter" mit einem "Ach, das steht dir aber auch gut!" oder "Du kannst irgendwie alles tragen!".

Bisher haben mich weder die einen, noch die anderen Rückmeldungen wirklich gestört. Solange ich mich in meiner Haut gut fühlte und ich selbst zufrieden mit meiner Aufmachung war. Aber so ganz ließen sie mich nicht los. Ich kam ins Grübeln und fragte mich, woher mein Umfeld so selbstverständliche Einschätzungen und Rückschlüsse über mich treffen kann? Wo ich doch selber noch in der Findungsphase war und bin.

Bin ich weniger Andrea, wenn ich blond, wellig oder stark geschminkt bin? Bin ich hingegen Andrea, wenn ich haarlos und fahl durch die Gegend laufe? Wann bin ich authentisch und wann "Fake"? Gibt es überhaupt eine "falsche" und eine "richtige" Andrea? Und was macht mich eigentlich aus?

Das was mich nachdenklich macht, ist dieses Schubladendenken (wovon ich mich -wie oben bereits beschrieben- bisher auch nicht habe frei sprechen können), bzw. die Trennung in richtig oder falsch, fremd oder bekannt...Ich habe auch kurz darüber nachgedacht, ob ich mich darüber ärgern soll, dass ich von mir lieben Menschen so gesehen werde. Aber ich kann mitfühlen, dass es für sie auch nicht einfach ist, mich so anders zu erleben. Das verunsichert und macht ein stück weit auch Angst. Da ist es nur natürlich, dass sie mich gerne wiedererkennen wollen -äußerlich wie auch innerlich.

Ich habe aber beschlossen der ganzen Krise das Positive abzugewinnen und nicht in gewohnte Muster verfallen und immer gefallen zu wollen. Daher genieße ich stattdessen die Freiheit, aktuell in keine bekannte Schublade zu passen. Denn da gehöre ich und jeder andere Mensch ohnehin nicht rein!

Wir sind mehr als unser Äußeres und mehr als unsere bekannten Rollen, die vermeintlich auf unser Inneres schließen lassen.

Vor dieser Erkenntnis erschrecke ich selbst immer wieder. Es lässt mich ahnen, wer ich sein kann, wenn ich mich keinem Diktat unterwerfe. Wenn ich morgens aus dem Bett steige, in mich hinein höre und dann für mich beschließe, wie und ob ich heute aus dem Haus gehe. Wenn ich mich von Blicken, Äußerungen und Urteilen meiner Mitmenschen nicht verunsichern lasse und einfach nur BIN.

Das ist authentisch!

(Auch wenn diese Kategorisierung egal wird, wenn wir nicht mehr in Schubladen denken.)

Egal, ob blond, braun oder "oben ohne". Ob gesichtsnackt, geschminkt oder ungepflegt. Ob gefällig oder nervig. Ob himmelhoch jauchzend oder zu Tode betrübt...

Wir sind die Gesamtheit dessen, was wir in genau diesem Augenblick sein und machen oder eben nicht sein und nicht machen wollen. Und das kann im nächsten Augenblick schon wieder ganz anders aussehen.

Ja, das kann schon verwirrend werden. Sogar Angst machen. Eine Schublade zu öffnen, ist dann ein bewährtes Mittel zum Verstehenhelfen. Leider auch bei Weitem nicht so spannend und großartig wie die wahrhafte Realität eines jeden Menschen.

Also, machen wir uns frei vom herkömmlichen Denken und Urteilen. Es ist so befreiend und macht nicht nur uns selber, sondern allen um uns herum das Leben einfacher, vielfältiger und schöner!

Und hey, Mädels, wenn Ihr Euch mal wieder beim neidvollen "Frauen-Check" ertappt. Dann versucht, über Euch zu schmunzeln und die Frau kurz anzulächeln. Schon habt Ihr den ersten Schritt in Richtung Freidenken und einfach nur Dasein gemacht!


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