Let it shine on me!!!

Aktualisiert: 23. Okt 2019


Seit dem 9. August 2017 habe ich ein strammes Wochen-programm. Nach der ruhigen Chemophase, wo ich erst aus dem Bett kam, wenn ich wirklich ausgeschlafen war, eine stressige Umstellung. Jeden Tag morgens nach Neuwied zur Bestrahlung fahren. Da gehen für eine Fahrt 30 Minuten und für die Behandlung mit allem Drum und Dran ca. 20 Minuten drauf. Insgesamt komme ich max. auf zwei Stunden täglich -je nachdem, ob ich alleine fahre und nach der Bestrahlung noch den Kreislauf mit einem Kaffee pimpen muss. Das ist im Vergleich zu den Chemo-Sitzungen ein Pappenstiel!!! Auch sonst tut die Bestrahlung nicht weh und mir ist danach nicht übel. Manchmal ein bisschen Schwindel. Aber bei meinem morgendlichen Niedrig-Blutdruck kann es auch daran liegen.

Und trotzdem habe ich diese Therapie unterschätzt. Irgendwann im Laufe des Tages haut die Erschöpfung dann doch zu und ich muss mich ausruhen. Das kann von dem 30 minütigen Mittagsdöser bis hin zum dreistündigen Mittagsschlaf reichen.

Außerdem habe ich nach gut sieben Monaten Krebstherapie sowas von die Nase voll und mein Körper mag nicht mehr! Ich möchte bei dem schönen Wetter einfach mal mit den Kids ins Freibad oder zumindest ein wenig sonnen. Aber nein! Aufgrund meines Bodypaintings darf ich höchstens mit klarem Wasser duschen. Immerhin! Habe schon Stories gehört, wo das wohl zwei Monate tabu war. Und da das Bestrahlungsfeld bis ins Dekolletee reicht, muss ich aufpassen, dass ich dort nicht zu viel Sonne abbekomme.

Auch wenn die Arzthelfer/innen richtig aufmerksam und sehr freundlich sind. Es bleibt eine Abfertigung. So richtige Fließbandarbeit am Patienten! Kaum ist der eine Patient vom Bestrahlungstisch herunter, darf der nächste in die Mini-Kabine rein. Sich schnell umziehen und dort oben ohne warten, bis man aufgerufen wird. Dann schnell ins kalte Bestrahlungszimmer, mit den Armen über dem Kopf verschränkt hinlegen und sich zurecht zubbeln lassen. Dann ca. fünf Minuten regungslos liegen bleiben und schnell wieder zurück in die Umkleidekabine. Ich fühle mich bei der ganzen Prozedur wie ein willenloses Objekt. Und das macht meiner Seele zu schaffen.

Besonders gefressen habe ich den leitenden Arzt. Bei der ersten Bestrahlungssitzung wurde das Bodypainting, das Tags zuvor nach dem Planungs-CT vom Bestrahlungs-Assistenten mit Edding! aufgezeichnet wurde, um weitere Markierungen nach den Berechnungen des Arztes ergänzt. Bevor es dann losgehen konnte, musste dieser wohl das "Werk abnehmen". Nur so kann ich es mir erklären, dass plötzlich eine Hand aus dem "Off" mit einem bloßen "ich muss da mal ran!" an meinen Busen grabschte. Da ich ja bereits zurecht gelegt wurde, musste ich das regungslos hinnehmen -ohne mal zu sehen, wer das eigentlich ist. Ich konnte nur aus den Augenwinkel die Person erkennen. Wäre ja ein unnötiges "Vorspiel", sich mal namentlich vorzustellen und zu sagen, was man gleich vor hat, wenn man doch gleich ran kann. Keine Manieren dieser Arzt!

Gleiches, ungehobeltes Verhalten auch bei der wöchentlich Arztvisite in der Umkleidekabine! In einem Raum nicht größer als 1,50 qm!!! Kaum zu fassen. Aber so geht es eben schneller!

Die einzige Ärztin in der ersten Woche kam vor der Behandlung nach einem rücksichtsvollen Anklopfen hinein und schloss die Tür hinter sich. Die Beratung war sehr professionell und herzlich.

Die beiden letzten Male war es dann mein "Lieblings-Arzt". Nach der Behandlung -ich zog mich gerade an, da ich nicht wusste, ob noch wer kommt- ging die Tür ohne Vorwarnung auf. Der Arzt stand in der sperrangelweit geöffneten Tür. Ich stand zum Glück mit dem Rücken zu ihm und bat ihn, mir noch eine Minute zu geben. "Aber ich wollte doch auf ihre Brust gucken!" Tja, Pech gehabt, ich hatte schon mein Top an und wollte es nicht mehr ausziehen vor ihm. Bin doch keine Stripperin! "Aber wenn sie keine Beschwerden haben, dann können wir es heute dabei belassen!" Genau du Schlaumeier! Brav lehnte er die Tür an und wartete bis ich mich angezogen hatte, um mich dann bei offener Tür zu "beraten".

Ich meine Hallo??? Habe ich meine Rechte auf Würde und Privatsphäre mit der Aufnahme in die Bestrahlung ohne es zu wissen, stillschweigend an der Anmeldung abgegeben??? Was ist das bitte für eine Sitte, Menschen in der Umkleide zu beraten? Oder einfach ohne sich vorzustellen, am Körper anzufassen? Unglaublich!!!

Wie gesagt, die sonstige Crew und die Ärztin sind wirklich freundlich und sehr bemüht, es einem leicht und erträglich zu machen. Außerdem muss ich nicht unter die Erde in einen abgeschlossenen Bunker und in eine Röhre hinein. Das war nämlich mein Alptraum-Szenario. Und es geht schnell vorbei. Wenn man seinen Kopf abschaltet und nicht überlegt, was mit einem geschieht, ist das wahrscheinlich alles halb so schlimm. Ich bin da ja immer etwas sensibler, aufmerksamer und vor allem mündiger.

Das hat sich beispielsweise bei meiner täglichen "Kriegsbemalung" bewährt. Nachdem ich die erste Woche jeden Tag auf's Neue mit dicken Eddings am Oberkörper angemalt wurde, weil die Farbe sich abwischt unter der Kleidung. Habe ich gebeten, nur noch meine wasserfesten Eyeliner zu benutzen. Diese halten auf der Haut gut eine Woche lang, selbst wenn man geduscht hat und sind augenärztlich getestet (können also für die Haut nicht schädlicher sein). Ich frage mich, wieso vorher keiner darauf gekommen ist? Oder warum die nicht von Hause aus hautfreundliche Filzstifte oder eben Eyeliner nutzen? Ne, da malen die doch lieber jeden Tag den Kriegsschauplatz neu nach mit diesen giftigen und stinkenden Eddings! Unglaublich!!!

Morgen ist Halbzeit und dann sind es nur noch 14 Tage. Bisher habe ich außer einer leichten Bräunung im Bestrahlungsfeld keine weiteren Beschwerden an der Brust. Allerdings jetzt bereits eine Woche lang Migräne, die vom Nacken herrührt. Ist ja auch kein Wunder, wenn man täglich so verrenkt da liegen muss. Mittlerweile habe ich vom Hals-Wirbel-Syndrom schon eine Blockade im linken Arm und kann den nicht schmerzfrei über den Kopf heben. Außerdem sind da überall Klimaanlagen an, die das Raumklima gefühlt auf Wintertemperaturen herunterkühlen. Nicht besonders angenehm, wenn man dort halbnackt herumlaufen muss und davon einen Zug bekommt.

Wie ihr seht, bin ich im Moment nicht besonders gut auf meine letzte Etappe anzusprechen. Irgendwann ist eben die Luft raus und die Geduld auf das Äußerste überstrapaziert.

Dennoch versuche ich, es mir jeden Tag immer wieder schön zu machen und das Leben zu genießen. Bewusst die positiven Seiten zu suchen und kleine, stille Dankbarkeitsgebete an den lieben Gott zu versenden, wenn ich sie im Tagesverlauf immer wieder finde.

Das ist zum Beispiel die Tatsache, dass meine Haare überall wieder nachwachsen und ich mich im Spiegel langsam wiedererkennen kann.

In diesem Sinne...haltet auch die Ohren steif!

Virtueller Rundgang Strahlenpraxis Neuwied

(Trotz meines vielen Geschimpfes kann ich die Praxis gut empfehlen aufgrund der modernen Ausstattung und der tollen Crew. Meinen Lieblingsarzt meide ich demnächst einfach.)


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© 2016-2019 by Andrea Winkler Coaching

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