Mutterliebe und Krebs

Aktualisiert: 23. Okt 2019


Bisher habe ich mich an dieses sehr emotionale Thema nicht heran getraut aus Angst, daran zu zerbrechen. Jetzt geht es mir wieder soweit gut, dass ich darüber schreiben kann. Mir liegt es sehr am Herzen endlich in einem eigenen Blogbeitrag, meine unermessliche Liebe und Dankbarkeit für meine wunderbaren Töchter auszudrücken. Ich bin so unendlich stolz darauf, wie sie die letzten zehn Monate bewältigt haben, ohne größere seelische Blessuren davon zu tragen. Ich bin fasziniert davon wie stark, belastbar und anpassungsfähig Kinder in Ausnahmesituationen reagieren und sein können. Und ich bete sie förmlich dafür an, dass sie mich in vielen dunklen Stunden mit ihrer kindlichen Liebe, Unschuld, Aufmerksamkeit sowie Unbeschwertheit getröstet und mich mit ihrem Mitgefühl und Pragmatismus zum Weitermachen motiviert haben. Mein Mutterherz ist randvoll gefüllt mit Liebe und Dankbarkeit, zwei so bezaubernden Mädchen das Leben geschenkt zu haben.

Ich liebe Euch!!!!

Allen Müttern, die an Krebs erkrankt sind, und selber Kinder haben, möchte ich mit diesem Blog Mut machen und Wege weisen, wie sie Kinder ehrlich und verantwortungsbewusst in ihren Therapie- und Genesungssprozess einbinden können.

Bestimmt hat sich jede Mutter nach der furchterregenden Diagnose zu Anfang diese oder ähnliche Fragen gestellt: "Wie lange werde ich meine Kinder in ihren Leben noch begleiten können?" "Wie erkläre ich ihnen, dass ich Krebs habe?" "Wie fange ich ihre Ängste und Sorgen auf?"...

Kinder haben eine Gabe, besonders sensibel auf emotionale Unstimmigkeiten zu reagieren. Sobald man ihnen etwas vormacht, spüren sie es unterbewusst. Sie reagieren dann gerne mit Verhaltensauffälligkeiten, Panik und Verlustängsten. Daher empfehle ich stets ehrlich und sachlich, die aktuelle Situation zu schildern. Das Problem ist die Sachlichkeit! Wie kann ich Kindern gegenüber sachlich bleiben, wenn ich selber Todesängste durchlebe? Wie kann ich sie vor meinen eigenen Horrorszenarien schützen? Wie kann ich ihnen eine so komplexe Krankheit wie Krebs überhaupt erklären?

Hier kommt das Thema Verantwortungsbewusstsein ins Spiel. Versteht mich nicht falsch! Keiner ist für den Krebs in meiner Brust verantwortlich -weder ich, noch meine Kinder oder sonst wer...Aber ich bin für mein Leben, meine Gesundheit, mein Glück und alles, was ich in der Hand haben kann, selber verantwortlich. Und ich bin natürlich weiterhin verantwortlich für meine Kinder.

Es ist daher meine Aufgabe, mich darüber zu informieren, woran ich erkrankt bin. Ich sollte mir erst selber ein möglichst umfassendes Bild davon machen, was mit mir los ist und was mich noch alles erwarten wird. Wenn ich selber nicht weiter komme, sollte ich mir kompetente Hilfe suchen und Unterstützung von Familie und Freunden erbeten. Es ist sinnvoll, mir Gedanken darüber zu machen, wie und wie viel ich meinen Kindern beim Thema Krebs zumuten kann, bevor ich mit ihnen rede.

Außerdem habe ich es selber in der Hand, wie ich mit der schweren Krebsdiagnose umgehe und wie ich nach außen wirke. Ich kann es nämlich sehr wohl beeinflussen, ob ich meine Last den Kindern aufbürde oder sie nur daran teilhaben lasse. Denn ein Recht auf Aufklärung und Teilhabe haben alle Kinder -egal wie alt sie sind! Sie sollten ihrem Alter entsprechend darüber aufgeklärt werden, dass Mama jetzt krank ist und alles tun wird, um wieder gesund zu werden. Es wäre eine Katastrophe für sie, wenn man die ganze Zeit heimlich täte, um sie zu beschützen. Sie spüren die Spannungen, beziehen sie direkt auf sich und glauben, sie hätten etwas falsch gemacht. Kinderlogik halt!

Dennoch sind Kinder stark! Sie können mehr ertragen als man vermutet. Und sie haben eine wunderbar ehrliche Art mit Krankheit, Tod und Leben umzugehen. Wenn man ihnen zu der Ehrlichkeit auch noch Bewältigungsstrategien, wie z.B. darüber reden, schreiben, malen, ... anbietet oder direkt vorlebt, können sie recht normal damit umgehen. Natürlich fordert das jede Mutter ungemein und bringt sie oft an ihre eigenen Grenzen. Denn wie soll ich meinem Kind etwas erklären, wovor ich selber Angst - und wovon ich keine Ahnung habe?

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass auch hier Ehrlichkeit am besten hilft. Soweit Glaube, Spiritualität sowie Hoffnung und Zuversicht in mir selber vorhanden sind, teile ich diese meinen Kindern in einfachen Worten mit. Was meine eigene Ratlosigkeit und Unwissenheit betrifft, gebe ich auch diese in wohl dosierten Portionen zu. Und wenn ich mal traurig oder ängstlich bin, lasse ich die Kindern auch an diesen Emotionen wohl dosiert und ehrlich teilhaben:

"Mama ist jetzt auch traurig, keine Haare mehr zu haben...aber die wachsen alle wieder nach. Und meine neuen Perücken sind doch auch lustig!" - "Ich weiß auch nicht genau, was nach dem Tod ist. Aber manche Menschen glauben an den lieben Gott, an Engel im Himmel, an das Wiedergeboren werden...ich glaube an die Kraft der Liebe und des ewigen Lichtes...und du?" - "Ja, ich finde es auch doof, dass der liebe Gott Menschen krank werden und sterben lässt. Aber so ist das Leben...und deswegen sollten wir jeden Tag genießen und dankbar sein." - "Nein du stirbst jetzt nicht. Du bist jung und gesund. Und die meisten Menschen sterben erst, wenn sie ganz alt sind und ein schönes Leben hatten..." - "Die Mama macht jetzt alles, um gesund zu werden und dem Krebs keine Chance mehr zu geben."


Ich habe meinen Knoten in der Brust selber entdeckt und ihn meinen Kindern gezeigt, weil er mir unter ihren Berührungen weh getan hat. Sie sollten auf meinen Knubbel aufpassen beim Spielen. Von meinen Befürchtungen und den darauf folgenden Frauenarzt- und Ultraschallterminen erzählte ich ihnen nichts. Erst als ich ins Krankenhaus musste, um den vermeintlich gutartigen Tumor entfernen zu lassen, erklärte ich ihnen genau das: "Mama lässt sich jetzt den Knubbel heraus operieren, weil er dauernd weh tut." Meine Große hatte schon zu diesem Zeitpunkt Angst um mich und ich erklärte ihr, dass auch ich ein bisschen Angst vor der OP hätte, dass ich jedoch am gleichen Tag wieder daheim wäre und daher kein Grund zur Sorge bestünde. In einem Bild verarbeitete sie ihre Angst und dann war auch schon alles gut. Wie gesagt: Kinder finden ihre eigenen Wege der Verarbeitung, wenn man ihnen die Möglichkeit dazu gibt!

Eine Woche später erhielt ich genau an Nikolaus meine Krebsdiagnose. Dieser Tag wird für immer mein persönlicher Alptraum bleiben. Die Kinder mussten kurzfristig von einer befreundeten Mama von Schule und Kita abgeholt werden, damit mein Mann und ich zur Frauenärztin fahren konnten. Um die Kinder nicht mit unseren Ängsten zu konfrontieren, denn eine genaue Diagnose lag noch nicht vor, ließen wir uns Zeit für einen beruhigenden Spaziergang. Als wir dann die Mädels bei ihren Freundinnen abholten, kamen uns Musik, gute Laune und verkleidete Kinder entgegen. Sie hatten Spaß und null Ahnung. Und das war gut so! Wir hatten riesige Mühe, uns unsere Ängste nicht anmerken zu lassen. Ich schaute mir meine Mädels dauernd an, als könnte es das letzte Mal sein. Absolut schrecklich und unwirklich!

Im Nachhinein weiß ich jetzt, dass Ungewissheit und Unwissen das größte Panik-Potential in sich bergen. Sobald man über Details der Erkrankung sowie die Behandlung informiert wird, diese Schocknachricht verdaut und sich mit den folgenden Krebstherapien gedanklich angefreundet hat, kann man auch sachlicher damit umgehen. Der richtige Zeitpunkt, um die Kinder aufzuklären.

Ich sagte beiden Mädels, der Knubbel sei Krebs gewesen. Ich müsse nochmal operiert werden, um auch alle kleinsten Krebszellen heraus zu holen. Danach müsse ich ganz viel Medizin bekommen, um wieder gesund zu werden. Und von dieser Medizin würde ich erst sehr müde werden und mir würden auch die Haare ausfallen. Aber ich könnte mir wunderschöne Perücken aussuchen.

Wir als ganze Familie hatten nach dieser Eröffnung noch gut vier Wochen Zeit, um in unserem bereits gebuchten Weihnachtsurlaub auf andere Gedanken zu kommen und Zuversicht zu schöpfen. Wir konnten den Kinder so viel Liebe, Aufmerksamkeit, Spiel und Spaß bieten, dass sie überhaupt nicht mehr an den Krebs dachten. Einzig, wenn ich nicht mit zum Schwimmen kam aufgrund meiner frischen OP-Narben, merkten sie, dass etwas anders war. Zu dieser Zeit hatte ich mir bereits mein schulterlanges Haar raspel-kurz geschnitten, um mir und den Kids den Übergang zur Glatze zu erleichtern.

Im Januar folgte dann die Port-OP und eine Woche später ging es mit der Chemo los. In der nun folgenden Zeit habe ich meinen Mädels nie etwas vorgemacht. Sie sahen mich nackt und mit Narben, die ich ihnen immer wieder erklären musste. Sie sahen mich leichenblass, krank, erschöpft, unfähig alleine zu gehen. Sie sahen mich mit Glatze, Perücke oder Mützen...ich überspielte überhaupt nichts. Aber ich war emotional immer für sie da. Als die Chemo für mich Alltag wurde und ich mich in der Praxis sehr wohl fühlte, nahm ich die Mädels sogar mit, um ihnen zu zeigen, dass es gar nicht schlimm im Krankenhaus sei. Manchmal sind die Phantasien der Kinder schlimmer als die Realität! "Mama, du hast ja eine richtig tolle Aussicht hier und die Schwester, die dir die Infusion anschließt, ist auch sehr nett!" Sie kamen mich danach gerne immer mal wieder abholen.

Ohne zusätzliche Hilfe und Unterstützung wären meine Töchter und ich selber nicht so gut damit fertig geworden. An den schlimmsten Chemotagen, waren sie mit Oma unterwegs oder bei Freunden. Papa kümmerte sich meistens um sie und lenkte sie viel ab. Ich stärkte mich seelisch bei meiner Psycho- und Tanztherapeutin und bei meinen lieben Freundinnen. So gestärkt konnte ich den größten Teil der Trostarbeit selber übernehmen. Denn zu mir kamen sie mit ihren Ängsten. Und das war ok so. Dieser Verantwortung wollte ich mich nicht entziehen und hier stark für die Kinder sein. Und ich gab mir die größte Mühe, sie emotional aufzufangen und zu beschwichtigen. Wenn man Kindern alles ruhig erklärt, auch mal Ängste eingesteht, jedoch immer wieder Hoffnung macht, dann können sie sich ganz gut damit arrangieren.

Natürlich hatten wir Szenen, wo mich beide morgens nicht verlassen wollten und heulend in meinen Bett blieben. Dann erklärte ich ihnen, dass ich sehr müde sei und nicht auf sie aufpassen könne. Und dass sie mich sehr glücklich machen würden, wenn sie selber Spaß hätten und glücklich wären. Ich hätte die Aufgabe gesund zu werden, Papa zu arbeiten, die Kinder zur Schule und zur Kita zu gehen und sonst viel zu spielen... Ich zog Grundschullehrerin und Kitaleitung direkt mit ins Boot, so dass sie die Mädels verständnisvoll und geduldig begleiten konnten. Mit ihnen überlegten wir, wie offen wir anderen Eltern und Kindern gegenüber sein sollten und fanden so einen offenen und unverkrampften Weg, mit unseren Mitmenschen zu kommunizieren, Hilfe zu erbitten und Hilfe anzunehmen.

Keine Frage die letzten Monate waren für uns alle eine Last, die uns oft die Luft zum Atmen nahm und uns manchmal fast erdrückt hätte. Aber wir alle haben uns am Riemen gerissen und einfach weitergemacht und funktioniert. In dieser Zeit half kein Hinterfragen, Lamentieren, Kapitulieren. Das war uns allen klar -auch den Kindern irgendwie. Umso stolzer können wir alle auf uns sein, dass wir alles so gut gemeistert haben. Eine kleine Herausforderung wird noch die Rehazeit für uns darstellen, weil ich alleine in die Kur fahren möchte. Aber nach all dem Erlebten werden wir auch das schaffen! Denn eines haben wir alle gelernt:

Wir sind eine ganz schön coole und starke Family!

Unterstützung und Infomaterial zur Kommunikation mit Euren Kindern erhaltet Ihr z.B. von der Flüsterpost e.V. oder der Rexrodt von Fircks Stiftung.


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© 2016-2019 by Andrea Winkler Coaching

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