Nebel im Kopf

Aktualisiert: 23. Okt 2019


Hat dieses ständige trübe und graue Wetter Einzug in meinen Kopf genommen? Lastet ein schweres Tiefdruckgebiet auf meinem Herzen? Ist es permanenter Gegenwind, der mich in die Knie zwingt?

Ich fühle mich ständig schlapp, müde und lustlos. Tausend Ideen warten darauf realisiert zu werden. Aber vor dem Berg Alltag kapituliere ich immer wieder auf's Neue. Mag nicht aus dem Bett. Möchte mich unter meiner Decke verkriechen und in Ruhe gelassen werden.

Ich bin depressiv! Mittelgradig -um genau zu sein! Kurz nach Ende der Reha vor ungefähr zwei Monaten ging es schleichend und unauffällig los. Und jetzt habe ich es vom Neurologen attestiert.

Wie kann das sein? Ich war davor so tapfer, immer wieder positiv und zuversichtlich! Wo ist mein Elan und meine Lebensfreude hin? Warum dringt die Frühlingssonne nicht durch meinen Trübsinn? Warum löst sie meinen Schwermut nicht in feine Schäfchenwolken und Wohlgefallen auf?

Sieht man mich von außen, könnte man meinen, es sei alles Bestens. Ich reiße mich brav zusammen, habe vordergründig Spaß und genieße mein Leben. Ich bin eine hervorragende Schauspielerin, wenn es darum geht, mir und meiner Umwelt zu beweisen, was für ein Sonnenscheinchen ich doch bin. Aber in mir drinnen sieht es trüb aus.

Ich fühle mich betäubt und komme mit meinen Emotionen nicht gut in Kontakt. Der Kopf weiß um den Wert jedes einzelnen Tages geschenkten Lebens. Aber diese Erkenntnis und die daraus resultierende Dankbarkeit, die ich so stark während der Krebstherapie gespürt habe, kommen nicht bis ans Herz heran.

Es ist auch nicht so, als sei ich unzufrieden oder groß traurig. Ich fühle mich nur ausgelutscht und habe keine Lust, mich jeden Tag zusammen zu reißen. Ich will einfach ohne schlechtes Gewissen abhängen und mich meiner Energieflaute ergeben. Ungesundes Zeug in mich stopfen und lauter unvernünftiger Dinge tun, wie z.B. besinnungslos betrinken, Sisha rauchen, oder mich anderweitig ablenken, betäuben oder gehen lassen. Exzessiv und ohne Hinterfragen das Leben nehmen, einsaugen, konsumieren. Wer weiß wie lange ich es noch habe?!

Er hat einen leicht destruktiven Beigeschmack, dieser Exzessewunsch, der nicht mit meiner "reinen" Lebensfreude kompatibel ist -ihr gerade zu widerspricht. Es ist wie ein widersinniger Kampf zwischen Engelchen und Teufelchen auf meinen Schultern. Und ich bin so überfordert, dass ich den Kopf lieber in den Nebel stecke, ihn in mir aufnehme anstatt diesen Kampf aus zu tragen oder eine Entscheidung zu treffen.

Was geschieht nach dem vergangen Kampf gegen den Krebs gerade mit mir? Ich sollte doch triumphieren, glorreich und siegesbewußt die Faust erheben, das Leben jeden Tag feiern als sei er der Letzte...

Kehrt der Krebs etwa so wieder zurück? Erst durch schlechte Gedanken und Gefühle, um sich dann in meinem Körper als schlechter Tumor zu manifestieren?

Selbst dieser Gedanke versetzt mich nicht in die übliche Panik und Angst. Er blinkt gerade lange genug auf, um mich etwas zu verstören. Aber die dazu passenden Gefühle bleiben aus.

Der Nebel hat also auch seine guten Seiten! Er schützt mich vor zu viel Drama und Emotionalität. Vielleicht eine normale Reaktion nach den letzten Monaten zwischen Existenzangst und Überlebenseuphorie?! Ein zaghafter Versuch, in die Normalität meiner Gefühlswelt zurück zu kehren? Mich eben nicht den verführerischen Exzessen hinzugeben, die meine ohnehin geringen Kraftreserven noch weiter auslaugen würden. Oder ein erstes Anzeichen der Aufgabe, im Leben wieder richtig mit Lust anzukommen?

Ich versuche ihn einfach Nebel sein zu lassen! Ihn nicht mit aller Kraft zu verscheuchen und offen zu bleiben, für die warmen Sonnenstrahlen, die jetzt immer häufiger das trübe Wetter auflockern.


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© 2016-2019 by Andrea Winkler Coaching

Leubsdorf am Rhein/

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