Pure Lebenslust vs. nervigem Alltagsfrust

Aktualisiert: 23. Okt 2019


Ich habe Hunger! Aber so richtig dollen! Auf das Leben...ich könnte jeden Tag davon ein Viergänge-Menü löffelweise verdrücken, weil es so gut schmeckt wieder gesund und lebendig zu sein. Ich will ganz viel fühlen, fühlen, fühlen!!! Als sei ich aus einem Dornröschenschlaf erwacht und es gälte, die verpennten 100 Jahre möglichst an einem Tag nachzuholen.

In meinem Körper macht sich eine lang vermisste und schmerzlich herbei gesehnte Kraft und Lust breit, die mir Flügel zu verleihen scheint. Und da das Ganze ein absolutes Suchpotential birgt, möchte ich zur Wiederholungstäterin werden. Es ist der unbändige Wunsch nach Selbstfindung und -erfüllung sowie nach der Freiheit und dem Raum hierfür.

Während der Chemotherapie gab ich mir das Versprechen, jeden Tag zu feiern als sei er der Letzte und dankbar für jedes morgendliche Erwachen zu sein. Mich nicht von Alltag, Routine, dem Gerede anderer zerfressen und mir nicht alte Fesseln umbinden sowie von dem Unvermögen anderer herunterziehen zu lassen. Eben nicht wieder zur Gefangenen der Erwartungen, Verpflichtungen sowie Konventionen zu werden. Ein ganz schön schwieriges Unterfangen wie sich mit und mit heraus kristallisiert.

Gerade als aufopferungsbereite Mama vergesse ich schnell und gerne meine eigenen Grenzen und Bedürfnisse. Nur anders als vor der Erkrankung dauert es nicht mehr so lange, bis Unzufriedenheit und Ungeduld mich einholen und sehr eindrücklich daran erinnern, mein eigenes Leben nicht aus dem Blick zu verlieren. Ich entwickele in diesem Moment ein Gefühl der Ohnmacht, das gerne in Wut umschlägt, wenn ich nicht schnell Abhilfe schaffe.

Was kann ich also tun, um meinem unbedingten Lebensdrang und gleichzeitig meiner Verantwortung als Mama gerecht zu werden? Nun, das werde ich hoffentlich in der kommenden Mutter-Kind-Kur noch genauer beleuchten können. Außerdem wird die Situation durch die bevorstehende Trennung von meinem Mann evtl. aufgelockert. Immerhin sollte es möglich sein, die Kinder im Wechsel zu betreuen und somit für jeden Raum und Zeit für ein eigenes Leben zu schaffen.

Ich glaube, dass dieser Punkt auch der casus knaxus in unserer wie auch in vielen anderen mit Kindern gesegneten Ehen ist: der mangelnde Mut und Freiraum zur regelmäßigen Selbstbegegnung und zur Begegnung als Liebespaar.

Außerdem beherbergt fast jeder Erwachsene ein kleines, faules Schweinchen, das es sich gern in der Alltagssuhle bequem und richtig gemütlich macht. Das sich ohne Widerworte dem Diktat der Arbeits- und Freizeitverpflichtungen unterwirft und dadurch immer träger, fetter und bewegungsunfähiger wird. Kurz bevor es droht, am eigenen Speck zu ersticken und zu platzen, wird es der eigenen Unfähigkeit und Not gewahr...

Und obwohl ich so richtig hungrig bin, möchte ich nicht dieses Schweinchen mästen, um so zu enden. Sondern meinen gesunden Lebenshunger stillen. Und das bedeutet wachsam, beweglich, mutig, selbstbestimmt und manchmal kompromisslos zu sein und zu bleiben.


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© 2016-2019 by Andrea Winkler Coaching

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