Einmal 'ne Macke -für immer irre?!

Aktualisiert: 23. Okt 2019


Es gibt einige Ticks und Macken an mir, die finde ich selber sehr charmant, weil sie mich als Mensch mit Ecken und Kanten eben ausmachen...frei nach dem Werbeslogan "sind wir nicht alle ein bisschen bluna?" habe ich viele davon sehr lieb gewonnen und kultiviere sogar einige, weil sie bezeichnend für mich sind.

So schimpfe ich beim "Selbst-Autofahren" laut und unflätig herum, bin eine furchtbar nervige Beifahrerin, werde mit "humor-ähnlichen" Menschen sehr albern und "doppel-eindeutig", liebe bunte und ausgefallene Kleidung, klimpere unbewusst mit meinen Wimpern, wenn ich nervös bin, fordere beim Tanzen rigoros meinen "Tanzbereich" ein und schleudere dafür gerne auch meine Haare (so sie denn lang sind) wild und schweißnass durch die Gegend, trinke morgens eklig anmutende "Tee-Honig-Milchersatz-Eigenkreationen" und noch andere peinliche und daher nicht veröffentlichbare Dinge...

Ich finde ein wenig irre sein, echt cool! Denn das Leben spielt einem oft genug übel mit!

Dann gibt es noch die wirklich tiefgreifenden Macken, die mich als "Mängelexemplar" labeln und die ich gerne lieber gestern als heute loswerden möchte. Und da liegen leider auch deren Wurzel: in meiner Vergangenheit als Baby und Kleinkind.

Ich bin als "Kommunistenkind" in Rumänien geboren. Dort haben die Frauen ziemlich schnell nach der Geburt wieder gearbeitet -so auch meine Mum. Meine Betreuung hat sie sich mit meiner damals auch berufstätigen Oma geteilt. Und da gab es denn auch immer wieder "Übergabemomente", die in die Leere gingen, weil frau zwar nicht pünktlich von der Arbeit weg kam, aber pünktlich da sein musste. Sprich: ich war -schlafend gewähnt- für eine gewisse Zeit alleine daheim und unbeaufsichtigt.

Ich mache niemanden einen Vorwurf, weil ich weiß, dass meine Mum und meine Oma ihr Bestes gegeben haben, um immer für mich da zu sein. Und Babys schlafen eigentlich tief, fest und durch. Außerdem war es zu jener Zeit auch im Westen nicht unüblich, Babys mal für eine Weile alleine, unbeaufsichtigt oder einfach auch mal länger schreiend zu lassen. So waren die 70er Jahre eben...

Wer weiß, ob ich nicht doch zwischendurch mal wach geworden bin?! Meine Mum hatte zwar immer das Radio für mich angelassen, damit ich davon beruhigt würde. Aber ein Baby spürt es, wenn niemand da ist zum emotionalen Auffangen. Angst, Einsamkeit und Verzweiflung werde ich damals erlebt und gespürt haben. Denn das sind Gefühle, die ich trotz meiner 42 Jahren noch immer allzu gut kenne.

Da ich als Säugling noch keine kognitiven Fähigkeiten besaß, um diese Urangst zu kommunizieren, konnte mich auch niemand beruhigen, trösten oder auffangen. So konnte sie sich als diffuses Gefühl in meinem Körpergedächtnis einbrennen, das durch bestimmte Trigger auch heute in bestimmten Situationen noch reaktiviert wird. Ich fühle mich ganz plötzlich einsam, alleine, unruhig, ängstlich, verzweifelt, melancholisch bis hin zu sehr deprimiert. Und das kann sehr spontan und unerwartet kommen...da macht es nichts aus, ob ich gerade im hellsten Sonnenschein alleine im Garten chille oder unter vielen Menschen beim Einkaufen an der Kasse warte.

Diese latente Depression war -neben meiner Traumata während meiner eigenen Schwangerschaften und der Geburten beider Mädels- auch der Grund, warum ich seit 2012 zur tiefenpsychologischen Psychotherapie ging und regelmäßig Antidepressiva einnahm. Ganze sechs Jahre war ich in Behandlung -zum Glück auch während meiner Krebstherapie- und vor zwei Wochen musste ich mich von meiner lieb gewonnenen Therapeutin verabschieden. Auch habe ich um Pfingsten herum während des Heilfastens meine Antidepressiva abgesetzt. Ich bin sozusagen seit geraumer Zeit auf "Entzug" und nun mehr auf mich alleine gestellt, was emotionale Alltags- und Problembewältigung angeht.

Und jetzt kommt die gute Nachricht:

Ja, ich habe ganz viele meiner negativen Glaubenssätze und Rollenmuster (-zuweisungen) erkennen, bearbeiten, verändern oder sogar auflösen können. Dank Psychotherapie sowie meiner Ausbildungen zur Tanztherapeutin und Coach konnte ich einige für mich sehr unangenehme Macken nivellieren.

Eines allerdings werde ich mein leben lang nicht ablegen können. Diese diffuse Urangst, die neben dem notwendigen Urvertrauen in mein Leibgedächtnis gespeichert wurde.

Und das ist leider die schlechte Nachricht:

Man kann durch verschiedenste Therapien/Coaching, vertrauensvollem Umfeld, liebe Menschen, positiven Neuerfahrungen ganz viel begradigen und auch ein stück weit das "innere Kind" nach nähren, so dass man ein normales und glückliches Leben führen kann. Es gibt aber tiefe Narben, die zwar gut verheilt sind. Die aber je nach Wetterlage wie ein Rheumagebrechen immer mal wieder schmerzen können.

Und damit muss ich leben und mich auch so akzeptieren lernen. Es gibt diese traurigen Momente, die mich plötzlich beschleichen und mein emotionales Innenleben durcheinander wirbeln. Aber meine Erfahrung hat mir gezeigt, dass sie auch vorbei gehen und dass die Sonne danach in meinem Herzen wieder scheinen kann. Und das gibt mir die Kraft und den Mut, durch diese dunklen Augenblicke mittlerweile auch alleine durch zu gehen. Ohne Unterstützung oder Pillen...es kostet nur unglaublich viel Energie, Zuversicht, Mitgefühl und Liebe zu mir selber!

Aber das Leben wäre langweilig ohne Herausforderungen...so stelle ich mich weiterhin den Stürmen und Unwägbarkeiten, falle zwischendurch mal leichter oder schwerer, richte mich mal schneller oder langsamer auf...und mache weiter.

Denn ich habe nur dieses EINE Leben und das will ich ganz und gar...


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© 2016-2019 by Andrea Winkler Coaching

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