"Try walking in my shoes!"

Aktualisiert: 23. Okt 2019


Heute habe ich aus heiterem Himmel die berührendste Entschuldigung bekommen, die ich je von einer Person bekommen habe, die mir faktisch nichts getan hat und (noch) nicht meine Freundin ist. Zwar eine besser bekannte Mami aus dem Dorf. Aber bisher auch nicht mehr!

Diese Mami hat vor Kurzem leider das gleiche Schicksal ereilt wie mich. Sie hat Brustkrebs (doppelt negativ) und befindet sich seit 2 Zyklen in der Chemo. Ich habe es mehr oder weniger per Zufall aus ihrer bis dahin recht verschleierten Status-Meldungen bei WhatsApp erraten und sie direkt angeschrieben und ihr meine Hilfe angeboten. Da ich aus eigener Erfahrung weiß, wie schwer es ist als Self-Made-Frau überhaupt eine solche anzunehmen - geschweige denn von quasi Fremden - bin ich kurzerhand einfach zu ihr vorbei. Habe ihr eine nette Aufmerksamkeit mitgebracht und einfach mal zugehört, was bei ihr los ist. Heute war ich wieder bei ihr und quasi so im lockeren Gespräch meinte sie zu mir: "Ich weiß, man soll Menschen nicht urteilen, bevor man mindestens 7 Tage in ihren Mokassins gelaufen ist. Aber irgendwie habe ich das bei dir trotzdem gemacht. Na ja, du weißt ja, weil du meintest, die Leute im Dorf halten dich für ego...weil du als Powerfrau soviel machst und nichts auslässt. Ich finde es zwar besch..., dass ich dafür selber in diese Situation kommen muss. Aber ich hatte echt keine Ahnung, wie krass das ist! Und ich habe gerade mal ein Bruchteil dessen, was du während der Krebstherapie erlebt hast, bisher hinter mich gebracht. Also, ganz ehrlich...entschuldige!"

Der Wortlaut stimmt natürlich nicht 1:1...aber so ist es mir im Gedächtnis und im Herzen hängen geblieben. Natürlich finde ich es traurig, dass jemand Krebs bekommen muss, um mein vielleicht schrill anmutendes Auftreten und meinen unbändigen Drang nach Freiheit und Leben wirklich nachvollziehen zu können. Das wünsche ich einfach niemanden...da bleibe ich lieber unverstanden. Aber ich hatte seitdem ich vor 3 Jahren hier in dieses Örtchen hergezogen und kurz danach leider bereits erkrankt bin, nie das Gefühl richtig angekommen zu sein. Daher ist meine Freude umso größer von einer alteingesessen Dorfmami quasi im Nachhinein rehabilitiert zu werden...

Eigentlich war sie nie irgendwie blöd zu mir und sie hat mir im direkten Kontakt nichts getan! Außer vielleicht blöd von mir zu denken...was jedem Menschen freisteht! Denn ich muss nicht von allen gemocht werden und ich mag umgekehrt ja auch nicht jeden...Daher finde ich ihre Entschuldigung besonders mutig und ergreifend! Danke du Süße!!!!

Und dann kommt noch meine persönlich Komponente hinzu, die mir fast die Tränen in die Augen trieb bei unserem heutigen Gespräch:

Ich habe letztens meinem Partner gestanden, dass ich gerne eine andere Frau wäre. Oder mir zumindest gerne eine andere Lebensgeschichte ausdenken würde. Von einer Frau mit einer leichteren Vergangenheit. Die nicht an fast allen Lebens-Meilensteinen "Hier" geschrien hätte, als es um die Vergabe von besonderen Schicksalsschlägen ging. Das fing an beim Mobbing in der Schule und im Beruf, ging weiter mit den bedrohlichen Schwangerschaften, lebensgefährlichen Geburten und meinem Brustkrebs vor 3 Jahren und hörte vorerst vor einem Jahr auf mit der Trennung von meine Ehemann, mit dem ich 11 Jahre zusammen war und von einer "perfect family" geträumt hatte. Ich habe zwar Nehmerqualitäten, mich immer wieder aufgerappelt und mich davon nie langfristig runter ziehen lassen. Und ja, ich weiß, dass ich schon 'ne echt "toughe Sau" bin...

Aber gerade im Kontakt mit fremden und neuen Menschen fehlt mir ein gewisses Maß an Leichtigkeit, Unbeschwertheit und gesellschaftsfähiger Oberflächlichkeit. Ich würde gerne auch von einer schönen Schwangerschaft, normalen Geburten und erfüllendem Stillen danach berichten können. Davon dass meine Schulzeit total lustig, meine Klassenkameraden meine engen Buddys waren und vieles mehr...aber an fast jeder wichtigen Wendung in meinem Leben gab es einen Einschlag, der mich fast meine Unversehrtheit gekostet hätte - psychisch gesehen oder tatsächlich körperlich...

"Also, verfickt nochmal! Ich wäre gerne weniger tiefsinnig, speziell, mysteriös und hätte lieber ein durchschnittliches Normalo-Leben mit maximal ein paar gängigen Krisen..." heulte ich mich zuletzt bei meinem Partner aus. "Aber dann wärst du nicht DU, wie du jetzt bist und DIE, die ich so liebe! Und "Qualität" wird sich schlussendlich durchsetzen..."

Ja, mag sein... Ich hätte es trotzdem in vielen Situationen in meinem Leben und im Kontakt mit anderen Menschen an vielen Stellen gerne leichter gehabt...

Daher bedeutet mir diese ehrliche und unerwartete Entschuldigung sehr viel...sie hilft, einige schmerzende Narben und persönliche Macken zu beruhigen und bestätigt mich, in meinem Konzept vom Leben.

Mag sein, dass ich für andere voll den Egokurs fahre. Aber ich lebe mein kostbares Leben nicht für die anderen, sondern für mich. Und an dessen Ende werde ich nicht darüber nachdenken, ob ich es allen Recht gemacht habe. Sondern ob ich so wahrhaftig, authentisch und meiner persönlichen, spirituellen Bestimmung gemäß gelebt habe, wie es in meinen Möglichkeiten stand.

Mir hat das Gespräch auch insofern gut getan, weil es mich wieder aufgerüttelt hat! Der Mensch ist nämlich ein Verdrängungstier... Und ich finde es wichtig, mir immer wieder vor Augen zu führen, dass das Leben zu kostbar ist, um sich mit kleingeistigen Kram herum zu ärgern..oder eine Sekunde daran zu verschwenden, was so manch eine/r von meinem Lebenskonzept hält.

Ich halte es da lieber mit Depeche Mode "...I'm not looking for an absolution. Forgiveness for the things I do. But before you come to any conclusions...try walking in my shoes!"


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© 2016-2019 by Andrea Winkler Coaching

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